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Wer hat eigentlich beschlossen, dass Vernunft immer vernünftig ist?

9. Sept.
9 Min. Lesezeit

Ich halte mich grundsätzlich für einen vernünftigen Menschen. Ich bezahle meine Rechnungen, denke über Entscheidungen nach, kann Risiken durchaus erkennen und bin bisher auch noch nicht morgens aufgewacht und habe spontan beschlossen, Haus und Hof zu verkaufen, um irgendwo am anderen Ende der Welt eine Strandbar zu eröffnen. So weit, so vernünftig. Trotzdem frage ich mich in letzter Zeit immer häufiger, ob wir der Vernunft in unserem Leben manchmal ein bisschen zu viel Macht geben.


Denn kaum taucht eine neue Idee auf, sind die vernünftigen Gedanken erstaunlich schnell zur Stelle. Kannst du das wirklich machen? Ist das nicht zu riskant? Was ist, wenn es nicht funktioniert? Solltest du nicht lieber bei dem bleiben, was du kennst? Und überhaupt, in deinem Alter noch einmal etwas vollkommen Neues anfangen? Das klingt alles ausgesprochen erwachsen, verantwortungsbewusst und vernünftig. Nur frage ich mich inzwischen immer häufiger: Ist das wirklich unsere Vernunft – oder kommt manchmal einfach unsere Angst verdammt seriös daher?


Von außen kann ein Leben ausgesprochen vernünftig aussehen


Wenn ich auf manche Entscheidungen meines eigenen Lebens zurückblicke, fällt mir auf, wie unterschiedlich etwas von außen und von innen aussehen kann. Es gab eine Zeit, da hatte ich vieles von dem, was allgemein als Grundlage für ein gutes und sicheres Leben gilt: Familie, Kinder, Haus, Garten, finanzielle Sicherheit und einen Alltag, der funktionierte. Von außen betrachtet hätte es vermutlich genügend Menschen gegeben, die gesagt hätten: Was willst du denn mehr? Und trotzdem wusste ich irgendwann, dass dieser Weg für mich so nicht weitergehen konnte.


Nicht weil ein anderer Mensch schlecht war und auch nicht, weil mein gesamtes bisheriges Leben falsch gewesen wäre. Menschen entwickeln sich, Bedürfnisse verändern sich und manchmal stellt man nach vielen gemeinsamen Jahren fest, dass die Richtungen nicht mehr dieselben sind. Wenn Gespräche fehlen, gemeinsame Vorstellungen vom Leben immer weniger werden und zwei Menschen irgendwann mehr nebeneinander als miteinander unterwegs sind, kann etwas nach außen ausgesprochen vernünftig aussehen und sich innen vollkommen anders anfühlen. Manche Entscheidungen sehen von außen vernünftig aus und kosten uns innen trotzdem einen verdammt hohen Preis.


Heute weiß ich, dass ich damals eine Entscheidung getroffen habe, die andere durchaus für unvernünftig halten konnten. Schließlich gibt man Sicherheit nicht einfach auf, und man verlässt doch nicht freiwillig etwas, das eigentlich funktioniert, wenn man überhaupt nicht weiß, was danach kommt. Nur wäre es wirklich vernünftiger gewesen, ausschließlich deshalb zu bleiben, weil das Bekannte sicherer erschien als etwas, dessen Ausgang ich noch nicht kannte? Diese Frage beantworte ich heute anders als damals.


Ist das eigentlich meine Vernunft, oder habe ich sie irgendwann gelernt?


Unsere Vorstellung davon, was vernünftig ist, fällt schließlich nicht eines Morgens fertig vom Himmel. Viele dieser Sätze begleiten uns schon seit unserer Kindheit. Wir haben sie zu Hause gehört, in der Familie erlebt oder von unserem Umfeld übernommen. „Sei zufrieden mit dem, was du hast.“ „Man gibt doch nicht einfach einen sicheren Arbeitsplatz auf.“ „Was sollen denn die Leute denken?“ „Dafür bist du zu alt.“ „Das macht man nicht.“ „Geld gibt man nicht für so etwas aus.“ „Träum nicht so viel.“ Manche dieser Sätze hatten einmal einen guten Grund und sollten uns vielleicht schützen. Andere stammen aus einer Zeit und einem Leben, das mit unserem heutigen kaum noch etwas zu tun hat.


Aus solchen Sätzen können Glaubenssätze werden, die wir irgendwann gar nicht mehr als etwas Gelerntes wahrnehmen. Sie klingen dann wie unsere eigene Stimme und wir überprüfen überhaupt nicht mehr, ob sie heute noch zu uns passen. Genau deshalb finde ich es so spannend, sich bei einer vermeintlich vernünftigen Entscheidung einmal zu fragen: Denke eigentlich ich das – oder denke ich gerade etwas, das ich irgendwann einmal über das Leben gelernt habe?


Das bedeutet natürlich nicht, dass sämtliche Regeln unserer Eltern Unsinn waren und wir jetzt aus Prinzip das Gegenteil tun müssen. Vieles davon war hilfreich und manches ist es bis heute. Aber wir dürfen unsere Überzeugungen gelegentlich aus dem Schrank holen, ein bisschen abstauben und schauen, ob sie uns noch passen. Wir tragen schließlich auch nicht mehr dieselbe Jacke wie mit zwanzig, nur weil sie damals einmal hervorragend saß.


Und was sollen die anderen denken?


Dieser Satz verdient eigentlich ein eigenes Kapitel, denn erstaunlich viele Entscheidungen werden nicht nur danach getroffen, was für uns richtig ist, sondern danach, wie sie möglicherweise auf andere wirken könnten. Was sagt die Familie? Was denken die Freunde? Was erzählt die Nachbarin? Hält mich jemand für egoistisch, leichtsinnig, verrückt oder undankbar?


Wir können längst erwachsen sein, unser eigenes Geld verdienen, unser Leben selbst organisieren und trotzdem darüber nachdenken, was der Nachbar gegenüber wohl von uns hält, weil auf unserem Bürgersteig noch Laub liegt. Wenn uns schon solche Kleinigkeiten beschäftigen können, ist es nicht besonders überraschend, dass die Meinung anderer bei großen Entscheidungen plötzlich mit am Tisch sitzt.


Natürlich interessiert mich, was Menschen denken, die mir wichtig sind. Ich höre mir andere Perspektiven an, und manchmal sieht jemand von außen tatsächlich etwas, das ich selbst übersehe. Aber zwischen „Ich höre dir zu“ und „Du entscheidest über mein Leben“ liegt für mich ein gewaltiger Unterschied.


Heute bin ich an einem Punkt, an dem mir ziemlich egal ist, ob irgendjemand meine Lebensentscheidung für ungewöhnlich hält. Dieser Mensch muss sie schließlich nicht leben. Ich muss das. Und genauso muss ich mit den Konsequenzen meiner Entscheidungen umgehen, mit den schönen ebenso wie mit den schwierigen. Deshalb darf ich anderen Menschen zuhören, ohne ihnen gleichzeitig das Stimmrecht über mein Leben zu übertragen.


Vielleicht dürfen wir uns deshalb öfter fragen: Wenn niemand etwas davon erfahren würde – würde ich mich dann anders entscheiden? Wenn die Antwort Ja lautet, lohnt es sich möglicherweise, noch einmal genauer hinzuschauen, wessen Erwartungen gerade eigentlich unser Leben bestimmen.


Ich hätte früher häufiger auf mich hören dürfen


Wenn ich heute zurückblicke, gibt es wenig, das ich bereue. All meine Entscheidungen, Umwege, Erfahrungen und auch die Dinge, die nicht funktioniert haben, gehören zu meinem Leben und haben mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin. Trotzdem gibt es etwas, das ich meinem jüngeren Ich heute gerne mitgeben würde: Hör ein bisschen früher auf dich.


Ich habe mich in meinem Leben durchaus in Mühlen pressen lassen, die gar nicht unbedingt meiner eigenen Form entsprachen. Nicht weil mich jemand bewusst hineingedrängt hätte, sondern weil sich Dinge entwickeln, Rollen entstehen und wir irgendwann gar nicht mehr darüber nachdenken, ob das, was wir seit Jahren tun, eigentlich noch zu uns passt. Man macht es eben so, weil man es immer so gemacht hat oder weil alle anderen es ebenfalls so machen.


Heute fällt mir dieses „Das macht man eben so“ wesentlich schwerer, und darüber bin ich ziemlich froh. Denn mit den Jahren habe ich nicht nur gelernt, meine Bedürfnisse besser wahrzunehmen, sondern mir auch einen Teil meiner Lebendigkeit zurückgeholt. Diese Lebendigkeit meldet sich inzwischen ziemlich zuverlässig, wenn etwas in mir sagt: „Nein, das will ich gerade nicht.“ Und genauso deutlich kann sie sagen: „Oh ja, das möchte ich erleben.“


Vielleicht ist das eine der schönen Seiten des Älterwerdens. Wir kennen deshalb noch lange nicht alle Antworten, aber wir kennen uns selbst ein bisschen besser und dürfen anfangen, der eigenen Stimme mindestens genauso aufmerksam zuzuhören wie all den Stimmen, die uns ein Leben lang erzählt haben, was vernünftig wäre.


Was, wenn es schiefgeht?


Diese Frage ist vermutlich eine der zuverlässigsten Spaßbremsen der Menschheitsgeschichte. Eine neue berufliche Idee, eine Reise, ein Umzug, eine Beziehung, ein Herzensprojekt oder eine größere Veränderung – unser Kopf braucht erstaunlich wenig Zeit, um sämtliche Dinge aufzuzählen, die dabei schiefgehen könnten.

Hinter dieser Sorge steckt häufig noch etwas anderes: die Angst vor Enttäuschung. Was, wenn ich wieder hoffe und es funktioniert nicht? Was, wenn ich mich auf etwas freue und anschließend enttäuscht werde? Was, wenn ich wieder feststellen muss: Typisch, warum passiert so etwas eigentlich immer mir?


Ich kann diese Gedanken gut verstehen. Wer Enttäuschungen erlebt hat, möchte sich davor schützen, sie noch einmal zu erleben. Nur ist die einzige wirklich zuverlässige Methode, niemals enttäuscht zu werden, vermutlich auch diejenige, bei der wir irgendwann aufhören müssten, uns auf etwas zu freuen, etwas zu wagen oder einem Menschen zu vertrauen. Und dieser Preis wäre mir persönlich deutlich zu hoch.


Wir können nicht bestimmen, dass jede Entscheidung gelingt, jeder Mensch bleibt, jede Idee funktioniert und jede Vision exakt so Wirklichkeit wird, wie wir sie uns ausgemalt haben. Was wir aber beeinflussen können, ist unser Umgang mit dem, was passiert. Wir können aus einer Erfahrung lernen, neu entscheiden, einen anderen Weg ausprobieren, uns Unterstützung holen und irgendwann feststellen, dass eine Enttäuschung zwar wehgetan hat, aber nicht das Ende unserer Geschichte gewesen ist.


Vielleicht dürfen wir deshalb aufhören, ein mögliches Scheitern automatisch mit persönlichem Versagen gleichzusetzen. Manchmal funktioniert etwas einfach nicht. Manchmal haben wir uns geirrt. Manchmal ändern sich Umstände und manchmal lernen wir erst beim Gehen, dass der eingeschlagene Weg doch nicht unserer ist. Auch das gehört zum Leben.


Und was, wenn es richtig gutgeht?


Ich finde es faszinierend, wie kreativ unser Kopf wird, wenn er Katastrophenszenarien entwickeln darf. Innerhalb weniger Minuten können wir uns ausmalen, wie eine Entscheidung scheitert, das Geld weg ist, andere Menschen den Kopf schütteln und wir irgendwann irgendwo sitzen und denken: Hätte ich bloß auf meine Vernunft gehört.

Warum benutzen wir dieselbe Fantasie eigentlich so selten in die andere Richtung?


Wie würde es sich anfühlen, wenn es richtig gutgeht?


Was, wenn die Entscheidung, vor der du gerade Respekt hast, eine der besten deines Lebens wird? Was, wenn du Menschen kennenlernst, denen du sonst niemals begegnet wärst, einen Ort entdeckst, von dem du heute noch nicht weißt, dass du ihn einmal lieben wirst, oder aus einer kleinen Idee etwas entsteht, das dir neue Möglichkeiten eröffnet? Was, wenn du Seiten an dir entdeckst, die jahrelang kaum Raum hatten, und irgendwann zurückblickst und denkst: Zum Glück habe ich mich damals getraut.


Ich beschäftige mich gerade selbst mit neuen Ideen und Möglichkeiten für meine kommenden Jahre. Einige davon sind größer, manche wären mit Veränderungen verbunden und selbstverständlich denke ich darüber nach, was sinnvoll, machbar und verantwortbar ist. Gleichzeitig erlaube ich mir inzwischen ganz bewusst, meine Vision nicht ausschließlich nach möglichen Problemen abzusuchen, sondern gedanklich schon einmal hineinzusteigen.


Wie möchte ich leben? Wie möchte ich mich morgens fühlen? Welche Menschen möchte ich um mich haben? Was möchte ich sehen, erleben und lernen? Wie viel Freiheit wünsche ich mir? Was möchte ich erschaffen, worüber möchte ich lachen und welche Geschichten möchte ich irgendwann erzählen können?


Und ich kann dir sagen: Es fühlt sich verdammt gut an.


Dabei geht es mir nicht darum, mir einzureden, dass ich nur fest genug an etwas glauben muss und anschließend klingelt das gewünschte Leben an meiner Tür. Das wäre zwar ausgesprochen bequem, funktioniert meiner Erfahrung nach aber eher selten. Wenn ich neue Menschen kennenlernen möchte, muss ich mich dorthin bewegen, wo Begegnungen möglich sind. Wenn ich eine Idee verwirklichen möchte, muss ich Informationen sammeln, Gespräche führen, Möglichkeiten prüfen und irgendwann den ersten Schritt machen. Wenn ich etwas lernen möchte, muss ich anfangen zu lernen.


Eine Vision darf groß sein, aber irgendwann braucht sie Füße.


Ich kann mir vorstellen, wie mein Leben aussehen soll, und dieses Bild kann mir Richtung geben, Freude machen und mich motivieren. Anschließend darf ich mich allerdings auch in Bewegung setzen. Die Möglichkeiten, von denen wir träumen, klopfen nicht zwangsläufig irgendwann höflich an unsere Tür und fragen, ob wir jetzt bereit wären.


Mut ist nicht das Gegenteil von Vernunft


Vielleicht ist das am Ende der Gedanke, der mir bei diesem Thema am wichtigsten ist. Ich möchte gar nicht unvernünftig leben. Ich möchte bewusst leben. Dazu gehört für mich, Risiken zu prüfen, Konsequenzen abzuwägen und Verantwortung für meine Entscheidungen zu übernehmen. Gleichzeitig gehört dazu aber auch, meine Wünsche, meine Neugier und meine Lebendigkeit nicht ständig dem größtmöglichen Sicherheitsbedürfnis unterzuordnen.


Eine Schnapsidee ignoriert mögliche Konsequenzen. Eine mutige Entscheidung darf sie kennen, prüfen und trotzdem zu dem Ergebnis kommen: Ja, ich möchte das versuchen.

Ich muss kein Risiko eingehen, dessen mögliche Folgen ich nicht tragen könnte. Aber ich möchte auch nicht aus Angst vor jedem Risiko auf Möglichkeiten verzichten, die mein Leben bereichern könnten. Vernunft darf mich begleiten, aber sie soll mein Leben nicht verwalten.


Eine kleine Seelenzeit für dich


Wenn gerade eine Idee in deinem Kopf herumspukt, die du bisher immer wieder mit einem sehr vernünftigen „Ach, das geht doch sowieso nicht“ zur Seite geschoben hast, musst du heute überhaupt nichts entscheiden. Vielleicht kannst du ihr einfach einmal ein bisschen Raum geben und dich fragen:


  • Was könnte tatsächlich schiefgehen und könnte ich mit diesen Folgen umgehen?

  • Was davon ist ein reales Risiko und was ist möglicherweise eine alte Angst oder ein gelernter Glaubenssatz?

  • Würde ich mich genauso entscheiden, wenn mir völlig egal wäre, was andere Menschen darüber denken?

  • Und wie würde es sich anfühlen, wenn es richtig gutgeht?


Vielleicht lautet deine Antwort anschließend tatsächlich: Nein, das ist nichts für mich. Dann hast du bewusst entschieden. Vielleicht bemerkst du aber auch dieses Kribbeln, dieses „Verdammt, eigentlich möchte ich das wirklich“. Dann würde ich es nicht sofort wieder mit Vernunft zudecken, sondern neugierig werden und überlegen, welcher erste Schritt möglich wäre.


Denn wir können planen, prüfen, rechnen, nachdenken und Verantwortung übernehmen. Eine Garantie dafür, dass alles genau so läuft, wie wir es uns vorstellen, bekommen wir trotzdem nicht. Aber wir können uns entscheiden, ob wir ausschließlich das Bekannte bewahren oder auch Möglichkeiten schaffen möchten, damit etwas Neues entstehen kann.


Und wenn mein Kopf mich heute fragt: „Was, wenn es schiefgeht?“, bekommt er deshalb noch eine zweite Frage dazu: „Und was, wenn es richtig, richtig gutgeht?“


Ganz unter uns: Ich finde, diese Version unserer Zukunft hat mindestens genauso viel Sendezeit verdient.


Wenn du gerade vor einem neuen Lebensabschnitt stehst, eine Idee in dir trägst oder zwischen Sicherheit und Veränderung festhängst, darfst du mir gerne schreiben. Ich werde dir nicht sagen, welche Entscheidung du treffen sollst, denn diese Antwort gehört dir. Aber manchmal hilft es ungemein, die eigenen Gedanken mit jemandem zu sortieren, der nicht schon vorher weiß, was angeblich „vernünftig“ für dich wäre.


Fühl dich gedrückt.


Gitti 💛

 
 
 

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