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Ich halte mich grundsätzlich für einen vernünftigen Menschen. Ich bezahle meine Rechnungen, denke über Entscheidungen nach, kann Risiken durchaus erkennen und bin bisher auch noch nicht morgens aufgewacht und habe spontan beschlossen, Haus und Hof zu verkaufen, um irgendwo am anderen Ende der Welt eine Strandbar zu eröffnen. So weit, so vernünftig. Trotzdem frage ich mich in letzter Zeit immer häufiger, ob wir der Vernunft in unserem Leben manchmal ein bisschen zu viel Macht geben.


Denn kaum taucht eine neue Idee auf, sind die vernünftigen Gedanken erstaunlich schnell zur Stelle. Kannst du das wirklich machen? Ist das nicht zu riskant? Was ist, wenn es nicht funktioniert? Solltest du nicht lieber bei dem bleiben, was du kennst? Und überhaupt, in deinem Alter noch einmal etwas vollkommen Neues anfangen? Das klingt alles ausgesprochen erwachsen, verantwortungsbewusst und vernünftig. Nur frage ich mich inzwischen immer häufiger: Ist das wirklich unsere Vernunft – oder kommt manchmal einfach unsere Angst verdammt seriös daher?


Von außen kann ein Leben ausgesprochen vernünftig aussehen


Wenn ich auf manche Entscheidungen meines eigenen Lebens zurückblicke, fällt mir auf, wie unterschiedlich etwas von außen und von innen aussehen kann. Es gab eine Zeit, da hatte ich vieles von dem, was allgemein als Grundlage für ein gutes und sicheres Leben gilt: Familie, Kinder, Haus, Garten, finanzielle Sicherheit und einen Alltag, der funktionierte. Von außen betrachtet hätte es vermutlich genügend Menschen gegeben, die gesagt hätten: Was willst du denn mehr? Und trotzdem wusste ich irgendwann, dass dieser Weg für mich so nicht weitergehen konnte.


Nicht weil ein anderer Mensch schlecht war und auch nicht, weil mein gesamtes bisheriges Leben falsch gewesen wäre. Menschen entwickeln sich, Bedürfnisse verändern sich und manchmal stellt man nach vielen gemeinsamen Jahren fest, dass die Richtungen nicht mehr dieselben sind. Wenn Gespräche fehlen, gemeinsame Vorstellungen vom Leben immer weniger werden und zwei Menschen irgendwann mehr nebeneinander als miteinander unterwegs sind, kann etwas nach außen ausgesprochen vernünftig aussehen und sich innen vollkommen anders anfühlen. Manche Entscheidungen sehen von außen vernünftig aus und kosten uns innen trotzdem einen verdammt hohen Preis.


Heute weiß ich, dass ich damals eine Entscheidung getroffen habe, die andere durchaus für unvernünftig halten konnten. Schließlich gibt man Sicherheit nicht einfach auf, und man verlässt doch nicht freiwillig etwas, das eigentlich funktioniert, wenn man überhaupt nicht weiß, was danach kommt. Nur wäre es wirklich vernünftiger gewesen, ausschließlich deshalb zu bleiben, weil das Bekannte sicherer erschien als etwas, dessen Ausgang ich noch nicht kannte? Diese Frage beantworte ich heute anders als damals.


Ist das eigentlich meine Vernunft, oder habe ich sie irgendwann gelernt?


Unsere Vorstellung davon, was vernünftig ist, fällt schließlich nicht eines Morgens fertig vom Himmel. Viele dieser Sätze begleiten uns schon seit unserer Kindheit. Wir haben sie zu Hause gehört, in der Familie erlebt oder von unserem Umfeld übernommen. „Sei zufrieden mit dem, was du hast.“ „Man gibt doch nicht einfach einen sicheren Arbeitsplatz auf.“ „Was sollen denn die Leute denken?“ „Dafür bist du zu alt.“ „Das macht man nicht.“ „Geld gibt man nicht für so etwas aus.“ „Träum nicht so viel.“ Manche dieser Sätze hatten einmal einen guten Grund und sollten uns vielleicht schützen. Andere stammen aus einer Zeit und einem Leben, das mit unserem heutigen kaum noch etwas zu tun hat.


Aus solchen Sätzen können Glaubenssätze werden, die wir irgendwann gar nicht mehr als etwas Gelerntes wahrnehmen. Sie klingen dann wie unsere eigene Stimme und wir überprüfen überhaupt nicht mehr, ob sie heute noch zu uns passen. Genau deshalb finde ich es so spannend, sich bei einer vermeintlich vernünftigen Entscheidung einmal zu fragen: Denke eigentlich ich das – oder denke ich gerade etwas, das ich irgendwann einmal über das Leben gelernt habe?


Das bedeutet natürlich nicht, dass sämtliche Regeln unserer Eltern Unsinn waren und wir jetzt aus Prinzip das Gegenteil tun müssen. Vieles davon war hilfreich und manches ist es bis heute. Aber wir dürfen unsere Überzeugungen gelegentlich aus dem Schrank holen, ein bisschen abstauben und schauen, ob sie uns noch passen. Wir tragen schließlich auch nicht mehr dieselbe Jacke wie mit zwanzig, nur weil sie damals einmal hervorragend saß.


Und was sollen die anderen denken?


Dieser Satz verdient eigentlich ein eigenes Kapitel, denn erstaunlich viele Entscheidungen werden nicht nur danach getroffen, was für uns richtig ist, sondern danach, wie sie möglicherweise auf andere wirken könnten. Was sagt die Familie? Was denken die Freunde? Was erzählt die Nachbarin? Hält mich jemand für egoistisch, leichtsinnig, verrückt oder undankbar?


Wir können längst erwachsen sein, unser eigenes Geld verdienen, unser Leben selbst organisieren und trotzdem darüber nachdenken, was der Nachbar gegenüber wohl von uns hält, weil auf unserem Bürgersteig noch Laub liegt. Wenn uns schon solche Kleinigkeiten beschäftigen können, ist es nicht besonders überraschend, dass die Meinung anderer bei großen Entscheidungen plötzlich mit am Tisch sitzt.


Natürlich interessiert mich, was Menschen denken, die mir wichtig sind. Ich höre mir andere Perspektiven an, und manchmal sieht jemand von außen tatsächlich etwas, das ich selbst übersehe. Aber zwischen „Ich höre dir zu“ und „Du entscheidest über mein Leben“ liegt für mich ein gewaltiger Unterschied.


Heute bin ich an einem Punkt, an dem mir ziemlich egal ist, ob irgendjemand meine Lebensentscheidung für ungewöhnlich hält. Dieser Mensch muss sie schließlich nicht leben. Ich muss das. Und genauso muss ich mit den Konsequenzen meiner Entscheidungen umgehen, mit den schönen ebenso wie mit den schwierigen. Deshalb darf ich anderen Menschen zuhören, ohne ihnen gleichzeitig das Stimmrecht über mein Leben zu übertragen.


Vielleicht dürfen wir uns deshalb öfter fragen: Wenn niemand etwas davon erfahren würde – würde ich mich dann anders entscheiden? Wenn die Antwort Ja lautet, lohnt es sich möglicherweise, noch einmal genauer hinzuschauen, wessen Erwartungen gerade eigentlich unser Leben bestimmen.


Ich hätte früher häufiger auf mich hören dürfen


Wenn ich heute zurückblicke, gibt es wenig, das ich bereue. All meine Entscheidungen, Umwege, Erfahrungen und auch die Dinge, die nicht funktioniert haben, gehören zu meinem Leben und haben mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin. Trotzdem gibt es etwas, das ich meinem jüngeren Ich heute gerne mitgeben würde: Hör ein bisschen früher auf dich.


Ich habe mich in meinem Leben durchaus in Mühlen pressen lassen, die gar nicht unbedingt meiner eigenen Form entsprachen. Nicht weil mich jemand bewusst hineingedrängt hätte, sondern weil sich Dinge entwickeln, Rollen entstehen und wir irgendwann gar nicht mehr darüber nachdenken, ob das, was wir seit Jahren tun, eigentlich noch zu uns passt. Man macht es eben so, weil man es immer so gemacht hat oder weil alle anderen es ebenfalls so machen.


Heute fällt mir dieses „Das macht man eben so“ wesentlich schwerer, und darüber bin ich ziemlich froh. Denn mit den Jahren habe ich nicht nur gelernt, meine Bedürfnisse besser wahrzunehmen, sondern mir auch einen Teil meiner Lebendigkeit zurückgeholt. Diese Lebendigkeit meldet sich inzwischen ziemlich zuverlässig, wenn etwas in mir sagt: „Nein, das will ich gerade nicht.“ Und genauso deutlich kann sie sagen: „Oh ja, das möchte ich erleben.“


Vielleicht ist das eine der schönen Seiten des Älterwerdens. Wir kennen deshalb noch lange nicht alle Antworten, aber wir kennen uns selbst ein bisschen besser und dürfen anfangen, der eigenen Stimme mindestens genauso aufmerksam zuzuhören wie all den Stimmen, die uns ein Leben lang erzählt haben, was vernünftig wäre.


Was, wenn es schiefgeht?


Diese Frage ist vermutlich eine der zuverlässigsten Spaßbremsen der Menschheitsgeschichte. Eine neue berufliche Idee, eine Reise, ein Umzug, eine Beziehung, ein Herzensprojekt oder eine größere Veränderung – unser Kopf braucht erstaunlich wenig Zeit, um sämtliche Dinge aufzuzählen, die dabei schiefgehen könnten.

Hinter dieser Sorge steckt häufig noch etwas anderes: die Angst vor Enttäuschung. Was, wenn ich wieder hoffe und es funktioniert nicht? Was, wenn ich mich auf etwas freue und anschließend enttäuscht werde? Was, wenn ich wieder feststellen muss: Typisch, warum passiert so etwas eigentlich immer mir?


Ich kann diese Gedanken gut verstehen. Wer Enttäuschungen erlebt hat, möchte sich davor schützen, sie noch einmal zu erleben. Nur ist die einzige wirklich zuverlässige Methode, niemals enttäuscht zu werden, vermutlich auch diejenige, bei der wir irgendwann aufhören müssten, uns auf etwas zu freuen, etwas zu wagen oder einem Menschen zu vertrauen. Und dieser Preis wäre mir persönlich deutlich zu hoch.


Wir können nicht bestimmen, dass jede Entscheidung gelingt, jeder Mensch bleibt, jede Idee funktioniert und jede Vision exakt so Wirklichkeit wird, wie wir sie uns ausgemalt haben. Was wir aber beeinflussen können, ist unser Umgang mit dem, was passiert. Wir können aus einer Erfahrung lernen, neu entscheiden, einen anderen Weg ausprobieren, uns Unterstützung holen und irgendwann feststellen, dass eine Enttäuschung zwar wehgetan hat, aber nicht das Ende unserer Geschichte gewesen ist.


Vielleicht dürfen wir deshalb aufhören, ein mögliches Scheitern automatisch mit persönlichem Versagen gleichzusetzen. Manchmal funktioniert etwas einfach nicht. Manchmal haben wir uns geirrt. Manchmal ändern sich Umstände und manchmal lernen wir erst beim Gehen, dass der eingeschlagene Weg doch nicht unserer ist. Auch das gehört zum Leben.


Und was, wenn es richtig gutgeht?


Ich finde es faszinierend, wie kreativ unser Kopf wird, wenn er Katastrophenszenarien entwickeln darf. Innerhalb weniger Minuten können wir uns ausmalen, wie eine Entscheidung scheitert, das Geld weg ist, andere Menschen den Kopf schütteln und wir irgendwann irgendwo sitzen und denken: Hätte ich bloß auf meine Vernunft gehört.

Warum benutzen wir dieselbe Fantasie eigentlich so selten in die andere Richtung?


Wie würde es sich anfühlen, wenn es richtig gutgeht?


Was, wenn die Entscheidung, vor der du gerade Respekt hast, eine der besten deines Lebens wird? Was, wenn du Menschen kennenlernst, denen du sonst niemals begegnet wärst, einen Ort entdeckst, von dem du heute noch nicht weißt, dass du ihn einmal lieben wirst, oder aus einer kleinen Idee etwas entsteht, das dir neue Möglichkeiten eröffnet? Was, wenn du Seiten an dir entdeckst, die jahrelang kaum Raum hatten, und irgendwann zurückblickst und denkst: Zum Glück habe ich mich damals getraut.


Ich beschäftige mich gerade selbst mit neuen Ideen und Möglichkeiten für meine kommenden Jahre. Einige davon sind größer, manche wären mit Veränderungen verbunden und selbstverständlich denke ich darüber nach, was sinnvoll, machbar und verantwortbar ist. Gleichzeitig erlaube ich mir inzwischen ganz bewusst, meine Vision nicht ausschließlich nach möglichen Problemen abzusuchen, sondern gedanklich schon einmal hineinzusteigen.


Wie möchte ich leben? Wie möchte ich mich morgens fühlen? Welche Menschen möchte ich um mich haben? Was möchte ich sehen, erleben und lernen? Wie viel Freiheit wünsche ich mir? Was möchte ich erschaffen, worüber möchte ich lachen und welche Geschichten möchte ich irgendwann erzählen können?


Und ich kann dir sagen: Es fühlt sich verdammt gut an.


Dabei geht es mir nicht darum, mir einzureden, dass ich nur fest genug an etwas glauben muss und anschließend klingelt das gewünschte Leben an meiner Tür. Das wäre zwar ausgesprochen bequem, funktioniert meiner Erfahrung nach aber eher selten. Wenn ich neue Menschen kennenlernen möchte, muss ich mich dorthin bewegen, wo Begegnungen möglich sind. Wenn ich eine Idee verwirklichen möchte, muss ich Informationen sammeln, Gespräche führen, Möglichkeiten prüfen und irgendwann den ersten Schritt machen. Wenn ich etwas lernen möchte, muss ich anfangen zu lernen.


Eine Vision darf groß sein, aber irgendwann braucht sie Füße.


Ich kann mir vorstellen, wie mein Leben aussehen soll, und dieses Bild kann mir Richtung geben, Freude machen und mich motivieren. Anschließend darf ich mich allerdings auch in Bewegung setzen. Die Möglichkeiten, von denen wir träumen, klopfen nicht zwangsläufig irgendwann höflich an unsere Tür und fragen, ob wir jetzt bereit wären.


Mut ist nicht das Gegenteil von Vernunft


Vielleicht ist das am Ende der Gedanke, der mir bei diesem Thema am wichtigsten ist. Ich möchte gar nicht unvernünftig leben. Ich möchte bewusst leben. Dazu gehört für mich, Risiken zu prüfen, Konsequenzen abzuwägen und Verantwortung für meine Entscheidungen zu übernehmen. Gleichzeitig gehört dazu aber auch, meine Wünsche, meine Neugier und meine Lebendigkeit nicht ständig dem größtmöglichen Sicherheitsbedürfnis unterzuordnen.


Eine Schnapsidee ignoriert mögliche Konsequenzen. Eine mutige Entscheidung darf sie kennen, prüfen und trotzdem zu dem Ergebnis kommen: Ja, ich möchte das versuchen.

Ich muss kein Risiko eingehen, dessen mögliche Folgen ich nicht tragen könnte. Aber ich möchte auch nicht aus Angst vor jedem Risiko auf Möglichkeiten verzichten, die mein Leben bereichern könnten. Vernunft darf mich begleiten, aber sie soll mein Leben nicht verwalten.


Eine kleine Seelenzeit für dich


Wenn gerade eine Idee in deinem Kopf herumspukt, die du bisher immer wieder mit einem sehr vernünftigen „Ach, das geht doch sowieso nicht“ zur Seite geschoben hast, musst du heute überhaupt nichts entscheiden. Vielleicht kannst du ihr einfach einmal ein bisschen Raum geben und dich fragen:


  • Was könnte tatsächlich schiefgehen und könnte ich mit diesen Folgen umgehen?

  • Was davon ist ein reales Risiko und was ist möglicherweise eine alte Angst oder ein gelernter Glaubenssatz?

  • Würde ich mich genauso entscheiden, wenn mir völlig egal wäre, was andere Menschen darüber denken?

  • Und wie würde es sich anfühlen, wenn es richtig gutgeht?


Vielleicht lautet deine Antwort anschließend tatsächlich: Nein, das ist nichts für mich. Dann hast du bewusst entschieden. Vielleicht bemerkst du aber auch dieses Kribbeln, dieses „Verdammt, eigentlich möchte ich das wirklich“. Dann würde ich es nicht sofort wieder mit Vernunft zudecken, sondern neugierig werden und überlegen, welcher erste Schritt möglich wäre.


Denn wir können planen, prüfen, rechnen, nachdenken und Verantwortung übernehmen. Eine Garantie dafür, dass alles genau so läuft, wie wir es uns vorstellen, bekommen wir trotzdem nicht. Aber wir können uns entscheiden, ob wir ausschließlich das Bekannte bewahren oder auch Möglichkeiten schaffen möchten, damit etwas Neues entstehen kann.


Und wenn mein Kopf mich heute fragt: „Was, wenn es schiefgeht?“, bekommt er deshalb noch eine zweite Frage dazu: „Und was, wenn es richtig, richtig gutgeht?“


Ganz unter uns: Ich finde, diese Version unserer Zukunft hat mindestens genauso viel Sendezeit verdient.


Wenn du gerade vor einem neuen Lebensabschnitt stehst, eine Idee in dir trägst oder zwischen Sicherheit und Veränderung festhängst, darfst du mir gerne schreiben. Ich werde dir nicht sagen, welche Entscheidung du treffen sollst, denn diese Antwort gehört dir. Aber manchmal hilft es ungemein, die eigenen Gedanken mit jemandem zu sortieren, der nicht schon vorher weiß, was angeblich „vernünftig“ für dich wäre.


Fühl dich gedrückt.


Gitti 💛

 
 
 

Montagmorgen ist auf meinem Instagram-Kanal eine Tafel erschienen, auf der ein Satz steht, der mich schon eine ganze Weile begleitet:

„Mein Leben war nicht schlecht, aber trotzdem fühlte es sich manchmal schwer an.“

Ich glaube, in diesem einen Satz steckt ziemlich viel von dem, worüber ich heute schreiben möchte. Denn wenn wir über Veränderung sprechen, entsteht schnell der Eindruck, vorher müsse etwas furchtbar gewesen sein. Eine schlechte Beziehung, ein falsches Leben, eine große Krise oder wenigstens ein ordentlicher Zusammenbruch, damit wir anschließend guten Gewissens sagen dürfen: Jetzt muss sich etwas ändern. Aber was ist, wenn das gar nicht stimmt? Was ist, wenn unser Leben eigentlich in Ordnung ist und wir trotzdem irgendwann spüren, dass uns etwas fehlt? Wenn wir gar nicht wegwollen von allem, was wir haben, sondern wieder näher an etwas heran, das irgendwann leiser geworden ist?


Bei mir war das, wie ich heute weiß, vor allem meine Lebendigkeit.


Ich wusste nicht, was ich wollte, aber da war diese Schwere


Als ich damals als meine „Löwin auf der Bettkante“ saß, wusste ich nicht, was mit mir passierte. Ich hatte keinen Plan für ein anderes Leben und schon gar keine fertige Antwort darauf, was ich verändern wollte. Ich fühlte mich einfach manchmal überfordert, denn von Zeit zu Zeit war da eine Schwere oder dieses schwer zu beschreibende Gefühl einer Lücke, obwohl ich gar nicht hätte sagen können, was mir eigentlich fehlte. Gleichzeitig gehörte diese Überforderung so selbstverständlich zu meinem Alltag, dass ich nicht auf die Idee kam, mir Unterstützung im Außen zu suchen. Ich dachte schlicht, dass ich da eben durchmüsse.


Von außen betrachtet gab es schließlich auch keinen offensichtlichen Grund, warum es mir nicht gut gehen sollte. Ich hatte Familie, ein Zuhause, Freunde und ein Leben, das funktionierte. Selbst von meiner Mutter bekam ich damals sinngemäß zu hören: „Es gibt doch keinen Grund zu jammern. Dir geht es doch gut.“ Und sie meinte das nicht böse. Nur beantwortete dieser Satz nicht das, was ich selbst noch gar nicht richtig in Worte fassen konnte. Denn „Mir geht es doch gut“ und „Ich fühle mich lebendig“ sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge.


Vielleicht war genau das etwas, das ich damals selbst noch nicht verstanden hatte. Ich suchte gar nicht nach einem anderen Leben. Ich wusste nur noch nicht, wie ich wieder mehr von mir selbst in meinem eigenen Leben finden konnte.


Menschen entwickeln sich und nicht immer in dieselbe Richtung


Wenn zwei Menschen sehr jung miteinander beginnen, wissen sie noch nicht, wer sie mit 30, 40, 50 oder 60 sein werden. Sie sammeln Erfahrungen, entwickeln Interessen, entdecken neue Seiten an sich und verändern ihre Vorstellungen davon, wie sie leben möchten. Manchmal entwickeln sich zwei Menschen dabei lange miteinander in dieselbe Richtung, manchmal tun sie es nicht. Und niemand hat Schuld daran.


Auch wenn ich heute auf meine erste Ehe zurückblicke, brauche ich keinen Schuldigen. Mein damaliger Mann hatte eine große Leidenschaft für seinen Beruf und seine Karriere, und ich hatte meinen Platz innerhalb unserer Familie. Wir waren sehr jung zusammengekommen, bekamen Kinder und lebten eine Rollenverteilung, die vor fast vier Jahrzehnten wesentlich selbstverständlicher war als heute. Als Frau rutschte man damals ziemlich schnell in die Zuständigkeit für Kinder, Haushalt und Familienorganisation, während der Mann beruflich seinen Weg ging. Das war natürlich nicht in jeder Familie gleich und selbstverständlich gab es auch damals andere Modelle, aber die gesellschaftlichen Vorstellungen und auch die Möglichkeiten waren andere als heute.


Wenn ich noch eine Generation weiter zurückblicke, sehe ich es bei meiner früheren Schwiegermutter noch deutlicher. Sie war 60 Jahre verheiratet und erzählte auf ihrer goldenen Hochzeit einmal selbst davon, was sich für sie mit ihrer Heirat verändert hatte. Mit dieser Ehe trat sie gleichzeitig in ein Leben mit einer Bäckerei ein, mit festen Aufgaben, Erwartungen und Strukturen, nach denen sie sich zu richten hatte. Rückblickend habe ich es für mich einmal so formuliert, dass sie mit ihrem Jawort auch ein großes Stück ihrer eigenen Persönlichkeit abgegeben hatte. Als ihr Mann viele Jahrzehnte später starb, fiel es ihr unglaublich schwer, noch einmal allein Fuß zu fassen. Wenn ein ganzes Erwachsenenleben über so viele Jahre innerhalb gemeinsamer Rollen und Strukturen stattgefunden hat, finde ich das heute gar nicht so erstaunlich.


Vierzig Jahre später sah die Welt meiner Generation bereits anders aus. Wir Frauen hatten deutlich mehr Möglichkeiten, und trotzdem war die klassische Aufteilung von Beruf auf der einen und Kindern, Haushalt und Familienorganisation auf der anderen Seite noch sehr präsent. Heute beobachte ich wiederum die nächste Generation und sehe, wie selbstverständlich junge Paare darüber sprechen, wer wann arbeitet, wer sich um die Kinder kümmert und wie beispielsweise Elternzeit verteilt wird. Männer bleiben eine Zeit lang zu Hause, Frauen gehen arbeiten, beide reduzieren zeitweise ihre Arbeitszeit oder suchen miteinander nach einem Modell, das zu ihrem gemeinsamen Leben passt.


Natürlich ist deshalb heute längst nicht alles automatisch gleichberechtigt oder perfekt verteilt. Aber die Möglichkeiten, darüber miteinander zu sprechen und selbst zu entscheiden, sind größer geworden. Und zwischen diesen Generationen liegt für mich nicht nur gesellschaftliche Veränderung, sondern auch die Geschichte davon, wie viel Raum Frauen im Laufe der Zeit bekommen haben, sich überhaupt die Frage stellen zu dürfen: Wie möchte eigentlich ich leben?


Und wer bin ich, wenn die Rollen sich verändern?


Diese Frage beschäftigte mich schon viel früher, als ich sie wirklich beantworten konnte. Meine Kinder wurden größer und irgendwann stand für mich die Frage im Raum, was eigentlich passiert, wenn die Jungs erwachsen sind und ihr eigenes Leben führen. Was möchte ich dann noch von meinem Leben? Ich brauchte keinen bis ins Detail ausgearbeiteten Zehnjahresplan und wollte auch nicht wissen, wo ich an einem bestimmten Dienstag im Jahr 2035 meinen Kaffee trinken würde. Aber ich wollte eine Vorstellung davon haben, worauf wir uns eigentlich gemeinsam zubewegen.


Mein damaliger Mann sah das anders. Wenn ich solche Fragen stellte, war seine Haltung eher: Das schauen wir dann. Und auch das ist vollkommen legitim, nur reichte es mir nicht. Darin liegt für mich heute eine wichtige Erkenntnis: Nur weil der Mensch an meiner Seite ein bestimmtes Bedürfnis nicht hat, wird mein eigenes dadurch nicht falsch. Der eine braucht keine Vorstellung vom Übermorgen, während der andere neugierig darauf ist, wohin die gemeinsame Reise gehen könnte. Wir müssen daraus nicht sofort einen Konflikt machen, aber wir sollten uns selbst ernst genug nehmen, um wahrzunehmen, wenn etwas für uns wichtig ist.


Wo ist eigentlich meine Lebendigkeit geblieben?


Wenn ich heute zurückblicke, erkenne ich etwas, das ich damals überhaupt nicht so hätte benennen können. Ich war ein lebendiges Kind und eine lebendige junge Frau, neugierig, offen, gerne unterwegs, interessiert an Menschen und am Leben. Diese Seite war nicht irgendwann einfach verschwunden. In meinem damaligen Alltag gab es nur immer weniger Raum, in dem ich sie leben konnte.


Und ich glaube, genau deshalb waren kleine Impulse von außen für mich immer wieder wichtig. Gespräche mit Freundinnen, Geburtstage, gemeinsame Abende, Begegnungen mit anderen Menschen – irgendwo erzählte jemand etwas und plötzlich entstand für einen Moment ein Gedanke: Das klingt schön. Das würde mir auch gefallen. Darauf hätte ich eigentlich Lust. Anschließend ging der Alltag weiter und vieles davon geriet wieder in den Hintergrund.


Heute glaube ich, dass wir solche kleinen Momente viel ernster nehmen dürfen. Nicht jeder Gedanke ist gleich ein Lebensauftrag und wir müssen selbstverständlich nicht nach jedem inspirierenden Gespräch kündigen, umziehen oder einen Bulli kaufen. Das wäre auf Dauer vermutlich auch etwas anstrengend. Diese kleinen inneren Reaktionen können uns aber etwas erzählen. Sie zeigen uns, was uns berührt, worauf wir neugierig sind, wonach wir uns sehnen und wo möglicherweise ein Teil unserer Lebendigkeit sitzt, den wir im Alltag ein bisschen aus den Augen verloren haben.


Manchmal beginnt Veränderung ganz unspektakulär


Heute brauche ich keinen großen Zusammenbruch mehr, um wahrzunehmen, wenn mir etwas fehlt. Manchmal beginnt Veränderung mit einem Gedanken, der zunächst überhaupt nicht weltbewegend erscheint. Ich hatte beispielsweise irgendwann die Idee, dass es schön wäre, eine Frau in meiner Nähe kennenzulernen, mit der ich mich einfach ab und zu auf einen Kaffee treffen, reden und lachen kann. Also habe ich mich in einer Gruppe angemeldet und aus einem kleinen Gedanken wurde eine neue Bekanntschaft.


Andere Dinge entstehen wiederum, weil wir unterwegs sind, Menschen begegnen, ein Gespräch führen oder uns auf etwas einlassen, das wir überhaupt nicht geplant hatten. Wir können schließlich nicht wissen, welche Begegnung, welcher Satz oder welche spontane Idee etwas in Bewegung bringt. Und genau das gefällt mir heute daran.


Wir müssen nicht jeden Schritt unserer Zukunft kennen, damit sich unser Leben verändern darf. Wir müssen auch nicht heute schon wissen, wo wir in fünf Jahren wohnen, mit wem wir unseren Kaffee trinken oder welche verrückte Idee uns übermorgen einfällt. Wir dürfen uns einfach wieder erlauben, offen und neugierig zu sein und wahrzunehmen, was uns begegnet.


Heute erlebe ich sehr bewusst, wie wichtig mir meine Lebendigkeit ist. Lachen, spontan sein, Ideen haben, Pläne schmieden, etwas ausprobieren, neugierig bleiben und nicht jeden Gedanken sofort darauf überprüfen, ob er vernünftig genug ist. Ich genieße Menschen, die ebenfalls Lust auf das Leben haben, genauso wie neue Ideen und die Vorstellung, dass ich heute noch gar nicht wissen muss, wohin mich manche davon führen werden.


Und ausgerechnet das gefällt mir inzwischen ziemlich gut.


„Mir geht’s doch gut“ darf trotzdem noch eine Frage haben


Vielleicht kennst du diesen Satz auch. Du hast ein Zuhause, Menschen, die du liebst, einen Alltag, der funktioniert, und von außen betrachtet gibt es keinen vernünftigen Grund, irgendetwas infrage zu stellen. Trotzdem spürst du, dass dir etwas fehlt. Das macht dich weder undankbar noch egoistisch und bedeutet auch nicht automatisch, dass du dein komplettes Leben verändern musst.


Vielleicht fehlt dir ein Mensch, mit dem du lachen kannst. Vielleicht möchtest du wieder tanzen, reisen, lernen, schreiben, malen oder morgens einfach einmal nicht als Erstes darüber nachdenken, was alle anderen brauchen. Vielleicht beginnt ein neuer Lebensabschnitt, die Kinder gehen aus dem Haus, eine Beziehung endet, die Rente rückt näher oder du stellst einfach fest, dass die Frau, die du heute bist, nicht mehr genau dieselben Dinge braucht wie die Frau vor zwanzig Jahren. Und vielleicht weißt du noch überhaupt nicht, was du stattdessen möchtest. Auch das darf sein.


Denn der Anfang muss nicht immer lauten: „Ich weiß genau, was ich will.“ Manchmal beginnt er mit der viel leiseren Wahrnehmung: „Irgendetwas fühlt sich nicht mehr richtig rund an. Ich möchte herausfinden, was mir fehlt.“


Und genau dort kann die Suche nach den eigenen Antworten beginnen.


In meiner Arbeit begegne ich Frauen an solchen Übergängen. Nicht indem ich ihnen sage, wie ihr nächstes Kapitel aussehen soll, sondern indem wir gemeinsam hinschauen, sortieren, Fragen stellen und wieder wahrnehmen, was längst in ihnen vorhanden ist. Denn niemand anderes kann entscheiden, wie dein Leben aussehen soll oder was sich für dich lebendig anfühlt.


Eine kleine Seelenzeit für dich


Vielleicht möchtest du dir heute gar nicht die riesige Frage stellen, was du mit dem Rest deines Lebens anfangen willst. Die kann einen nämlich schon beim ersten Kaffee überfordern. 😁 Viel interessanter finde ich zunächst ein paar kleinere Fragen:


  • Wann habe ich mich zuletzt richtig lebendig gefühlt?

  • Was habe ich damals getan – und wer war ich in diesem Moment?

  • Gibt es eine Seite an mir, für die in meinem heutigen Alltag kaum noch Platz ist?

  • Und was könnte ich tun, damit sie wieder ein kleines bisschen mehr Raum bekommt?


Ich kann rückblickend keinen einzigen Tag benennen, an dem ich plötzlich wusste: Jetzt muss sich mein Leben verändern. Vielleicht gab es diesen einen Moment auch nie. Vielleicht bestand meine Veränderung aus vielen kleinen Momenten, Begegnungen, Gedanken, Entscheidungen und Impulsen, die ich aufgenommen, verworfen, wieder hervorgeholt und irgendwann ernster genommen habe, bis ich eines Tages feststellen konnte:

Ich bin längst unterwegs.

Heute weiß ich jedenfalls ziemlich genau, was ich in meinem Leben nicht mehr missen möchte: meine Lebendigkeit. Ich möchte lachen, lieben, neugierig sein, Pläne machen, Pläne wieder umwerfen, Menschen begegnen, Neues entdecken und mich überraschen lassen.

Nicht weil mein früheres Leben schlecht gewesen wäre, sondern weil dieses Leben jetzt ist.

Und ich bin ziemlich gespannt, was noch kommt und wo die Reise hingeht.


Wenn du gerade selbst spürst, dass dein Leben eigentlich funktioniert und du trotzdem nicht mehr genau weißt, wo du darin geblieben bist, darfst du mir gerne schreiben. Manchmal braucht es keine fertige Antwort, sondern einen Raum, in dem die eigenen Fragen und Gedanken erst einmal Platz bekommen dürfen.


Wenn du meine Gedanken regelmäßig lesen möchtest, kannst du dich auf meiner Website auch für meinen Newsletter anmelden. Als Dankeschön erhältst du Zugang zu meinem kostenlosen 25-seitigen E-Book mit Impulsen für deinen eigenen Weg.


Fühl dich gedrückt.


Gitti 💛

 
 
 

Vor zwei Tagen hatte ich Geburtstag. Meine zukünftige Schwiegertochter fragte mich, was ich mir für mein neues Lebensjahr wünsche, und eigentlich hätte ich jetzt etwas wunderbar Besinnliches antworten können. Gesundheit natürlich, Glück, schöne Momente, all die Dinge, die wir uns eben wünschen. Stattdessen standen mir morgens beim Blick in den Spiegel die Haare dermaßen zu Berge, dass meine Antwort ziemlich schnell feststand: Das wird ein wildes Jahr. Und ein bisschen Abenteuer darf bitte auch dabei sein.


Je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir dieser Wunsch. Ich bin 64 geworden, habe gerade mein Buch „Die Löwin auf der Bettkante“ fertig geschrieben, das am 15. September veröffentlicht wird, und könnte mich jetzt gemütlich zurücklehnen und sagen: geschafft. Gleichzeitig könnte ich aber auch anfangen, das nächste Buch zu schreiben. Und irgendwie ist das doch ein ziemlich schönes Bild für unser Leben. Nur weil ein Kapitel abgeschlossen ist, bedeutet das schließlich nicht, dass die spannendsten Seiten bereits hinter uns liegen.


In meinem Kopf entstehen gerade viele Gedanken darüber, wie die kommenden Jahre aussehen könnten. Ich möchte reisen, andere Landschaften sehen, andere Menschen und Lebensweisen kennenlernen, mich von neuen Orten inspirieren lassen und zwischendurch auch einmal nicht wissen, was mich hinter der nächsten Ecke erwartet. Dabei möchte ich gar nicht alles hinter mir lassen oder mein bisheriges Leben gegen ein vollkommen anderes eintauschen. Ich mag vieles von dem, was zu meinem Leben gehört. Aber muss das bedeuten, dass ich die nächsten Jahre genauso verbringe wie die vergangenen?


Was, wenn ich mein Leben nochmal auf den Kopf stelle?


Wir kennen diese Geschichten von Menschen, die nach einer Trennung plötzlich alles verändern. Frauen kaufen oder mieten sich einen Bulli und fahren los, andere ziehen in eine neue Stadt, beginnen noch einmal eine Ausbildung, reisen allein oder verwirklichen einen Wunsch, den sie jahrelang vor sich hergeschoben haben. Oft bewundern wir ihren Mut, und gleichzeitig entsteht schnell der Eindruck, dass es erst einen großen Einschnitt braucht, bevor wir uns erlauben dürfen, unser eigenes Leben noch einmal neu zu betrachten.


Aber warum eigentlich?


Warum muss erst etwas wegbrechen, damit etwas Neues entstehen darf? Warum braucht es erst eine Trennung, eine Krise, den Renteneintritt oder einen anderen großen Einschnitt, bevor wir uns fragen, was wir eigentlich noch erleben möchten? Wir dürfen doch auch mitten in einem Leben, das grundsätzlich in Ordnung ist, feststellen, dass wir neugierig geworden sind.


Vielleicht möchte ich gar nicht aus meinem Leben aussteigen.

Vielleicht möchte ich einfach noch ein bisschen mehr hinein.


Ich liebe beispielsweise Fuerteventura und werde diese Insel deshalb nicht plötzlich weniger lieben, nur weil mich auch andere Orte interessieren. Aber vielleicht müssen es in Zukunft nicht immer mehrere Wochen dort sein. Vielleicht reichen zehn Tage, bevor ich weiterziehe und mir einen Ort anschaue, an dem ich noch nie gewesen bin. Etwas Neues zu wollen bedeutet schließlich nicht, dass das Vertraute plötzlich seinen Wert verliert.


Ich möchte nicht aufhören, das zu lieben, was ich kenne. Ich möchte anfangen, auch das kennenzulernen, was ich noch nicht kenne.


Wie lange wollen wir eigentlich auf „später“ warten?


Viele von uns sind mit einer ziemlich klaren Vorstellung vom Leben groß geworden. Wir gehen zur Schule, lernen einen Beruf, arbeiten, kümmern uns um Familie, Verpflichtungen und Alltag und irgendwann kommt die Rente. Dann haben wir Zeit. Dann reisen wir. Dann machen wir all die Dinge, für die vorher angeblich kein Platz war.

Nur ist dieses „irgendwann“ inzwischen ganz schön weit nach hinten gerutscht. Für Menschen ab dem Geburtsjahrgang 1964 liegt die reguläre Altersgrenze bei 67 Jahren. Gleichzeitig arbeiten in Deutschland Millionen Menschen zwischen 55 und 64 Jahren weiterhin. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die teilweise seit Jahrzehnten arbeiten, Verantwortung tragen und sich fragen, wie lange ihre Kraft noch reicht.

Natürlich bedeutet das nicht, dass wir mit 55 alles hinschmeißen und einen Bulli bestellen müssen. Es bedeutet für mich etwas anderes:

Ich möchte mein Leben nicht ausschließlich auf ein später verschieben, von dem ich heute noch gar nicht weiß, wie es aussehen wird.

Gerade wenn sich Lebenssituationen verändern, tauchen diese Fragen häufig ganz von selbst auf. Nach einer Trennung, in einer Phase großer Erschöpfung, beim Übergang in die Rente, nach einer gesundheitlichen Veränderung, wenn die Kinder ihre eigenen Wege gehen oder wenn wir plötzlich merken, dass das, was viele Jahre gut zu uns gepasst hat, heute nicht mehr dasselbe Gefühl auslöst.


Solche Veränderungen müssen nicht ausschließlich Verlust bedeuten. Sie können auch eine Einladung sein, das eigene Leben noch einmal mit anderen Augen anzuschauen.


Sechs Jahre können verdammt viel Leben sein


Mein Ex-Mann wird im nächsten Monat 70. Als ich darüber nachgedacht habe, ist mir plötzlich aufgefallen: Ich bin gerade 64 geworden. Bis zu meinem 70. Geburtstag liegen sechs Jahre vor mir.


Und auf einmal fand ich diese Zahl überhaupt nicht erschreckend, sondern ziemlich aufregend.


Was könnte ich in sechs Jahren alles sehen? Welche Menschen könnte ich kennenlernen? Welche Landschaften könnten mich noch sprachlos machen? Welche Geschichten könnte ich schreiben? Welche Entscheidungen könnte ich treffen, von denen ich heute noch überhaupt nichts ahne?


Sechs Jahre sind nicht einfach die Zeit zwischen 64 und 70. Es sind 72 Monate voller Möglichkeiten.


Natürlich meldet sich bei solchen Gedanken auch die andere Seite. Darf ich mein Leben einfach verändern? Was lasse ich zurück? Was denken Menschen, die mich kennen? Halten sie mich womöglich für vollkommen bekloppt? Ein Teil davon interessiert mich inzwischen herzlich wenig. Trotzdem gibt es eine Frage, die mich durchaus beschäftigt:


Muss ich ein schlechtes Gewissen gegenüber den Menschen haben, die mich über viele Jahre begleitet haben?


Gegenüber Menschen, mit denen ich ein Stück meines Lebens geteilt habe, die für mich da waren, mich unterstützt haben und mit denen mich viele schöne Erinnerungen verbinden? Gegenüber meiner Familie, meinen erwachsenen Kindern oder meiner Mutter? Ich glaube nicht. Dankbarkeit für das, was Menschen miteinander verbindet oder miteinander erlebt haben, bedeutet nicht, dass wir deshalb für den Rest unseres Lebens dieselben Wege gehen müssen. Wir dürfen einander lieben, miteinander verbunden bleiben und trotzdem unser eigenes Leben weiterentwickeln.


Meine Söhne sind erwachsene Männer und führen längst ihr eigenes Leben. Meine Mutter hat mit 82 Jahren ihren eigenen Alltag, ihre Wünsche, ihre Reisen und ihre Entscheidungen. Natürlich sind sie ein wichtiger Teil meines Lebens und natürlich denke ich darüber nach, was meine Entscheidungen für Menschen bedeuten, die ich liebe. Das gehört für mich zu Verbundenheit und Verantwortung.

Aber mein Leben gehört trotzdem mir.


Ich glaube, genau darin liegt für viele Frauen eine der großen Herausforderungen eines neuen Lebensabschnitts. Wir haben jahrzehntelang Verantwortung getragen, uns gekümmert, begleitet, unterstützt und unser Leben mit anderen Menschen verwoben. Wenn wir dann irgendwann wieder stärker danach fragen, was wir selbst noch erleben möchten, kann sich das beinahe egoistisch anfühlen. Dabei ist es etwas vollkommen anderes, Menschen rücksichtslos zurückzulassen oder sich selbst zu erlauben, das eigene Leben weiterzuleben.


Ich muss niemanden weniger lieben, damit ich neugierig auf etwas Neues sein darf. Ich muss das bisherige Leben nicht schlechtreden, um mir ein anderes Drumherum zu wünschen. Und ich muss mich auch nicht dafür entschuldigen, dass meine Wünsche heute andere sind als vor zehn oder zwanzig Jahren. Rücksichtnahme, Liebe und Verbundenheit dürfen bleiben, aber sie müssen nicht bedeuten, die eigenen Wünsche vorsorglich in eine Schublade zu legen.


Du musst dein bisheriges Leben nicht ablehnen, um dir für deine Zukunft etwas Neues zu wünschen.


Was wäre denn dein Abenteuer?



Abenteuer muss übrigens überhaupt nichts mit einem Bulli, einem One-Way-Ticket oder einer Weltreise zu tun haben. Für einen Menschen bedeutet Abenteuer, allein in ein fremdes Land zu reisen, für einen anderen, zum ersten Mal allein ins Theater zu gehen. Es kann eine neue Liebe sein, eine Weiterbildung, ein Umzug, ein Ehrenamt, ein neues Hobby oder der Entschluss, endlich etwas auszuprobieren, über das man seit Jahren spricht.


Entscheidend ist nicht, wie spektakulär eine Veränderung von außen aussieht. Entscheidend ist, ob sie etwas in dir lebendig werden lässt.


Und manchmal wissen wir noch gar nicht, was dieses Neue sein soll. Auch das ist in Ordnung. Gerade in meiner Arbeit begegne ich Frauen, die nach einer Trennung, während einer Phase der Erschöpfung oder an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt zunächst überhaupt keine fertige Antwort haben. Genau darum geht es auch nicht. Niemand muss heute schon wissen, wie die nächsten zehn Jahre aussehen sollen.


Ein neuer Lebensabschnitt kann viel kleiner beginnen: mit dem bewussten Wahrnehmen dessen, was mir fehlt, wonach ich mich sehne und was wieder mehr Raum in meinem Leben bekommen darf. Dabei kann eine Begleitung helfen, nicht weil jemand anderes die Antworten für mich kennt, sondern weil ein anderer Blickwinkel dabei unterstützen kann, die eigenen Antworten wieder wahrzunehmen.


Eine kleine Seelenzeit für dich


Wenn du magst, nimm dir heute ein paar Minuten und denke einmal nicht darüber nach, was vernünftig wäre, was andere erwarten oder was sich vermutlich umsetzen lässt. Erlaube dir stattdessen, einfach neugierig zu sein:


  • Was möchtest du in den nächsten sechs Jahren noch erleben?

  • Was schiebst du schon lange auf dieses berühmte „irgendwann“?

  • Und was würdest du ausprobieren, wenn du für einen Moment nicht darüber nachdenken würdest, was andere davon halten?



Ich weiß heute noch nicht, wie mein Leben mit 70 aussehen wird. Zum Glück. Denn wie langweilig wäre es bitte, wenn ich jetzt schon jede einzelne Seite kennen würde?

Für mein neues Lebensjahr weiß ich erst einmal nur eines: Meine Haare haben die Richtung vorgegeben. Es darf wild werden, es darf Abenteuer geben, und ich möchte neugierig bleiben auf all das, was ich heute noch gar nicht kenne. Denn wir haben dieses eine Leben. Und ich finde, wir dürfen durchaus ein bisschen gespannt darauf sein, was wir noch daraus machen.


Wenn du gerade selbst an einem Punkt stehst, an dem ein neuer Lebensabschnitt beginnt und du deine eigenen Antworten noch suchst, findest du in meinem Raum Herzsamkeit verschiedene Möglichkeiten, dich ein Stück deines Weges begleiten zu lassen.


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Fühl dich gedrückt.


Deine Gitti 💛

 
 
 
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