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„Mir geht’s doch gut.“ – Und wenn mir das nicht mehr reicht?

2. Sept.
8 Min. Lesezeit

Montagmorgen ist auf meinem Instagram-Kanal eine Tafel erschienen, auf der ein Satz steht, der mich schon eine ganze Weile begleitet:

„Mein Leben war nicht schlecht, aber trotzdem fühlte es sich manchmal schwer an.“

Ich glaube, in diesem einen Satz steckt ziemlich viel von dem, worüber ich heute schreiben möchte. Denn wenn wir über Veränderung sprechen, entsteht schnell der Eindruck, vorher müsse etwas furchtbar gewesen sein. Eine schlechte Beziehung, ein falsches Leben, eine große Krise oder wenigstens ein ordentlicher Zusammenbruch, damit wir anschließend guten Gewissens sagen dürfen: Jetzt muss sich etwas ändern. Aber was ist, wenn das gar nicht stimmt? Was ist, wenn unser Leben eigentlich in Ordnung ist und wir trotzdem irgendwann spüren, dass uns etwas fehlt? Wenn wir gar nicht wegwollen von allem, was wir haben, sondern wieder näher an etwas heran, das irgendwann leiser geworden ist?


Bei mir war das, wie ich heute weiß, vor allem meine Lebendigkeit.


Ich wusste nicht, was ich wollte, aber da war diese Schwere


Als ich damals als meine „Löwin auf der Bettkante“ saß, wusste ich nicht, was mit mir passierte. Ich hatte keinen Plan für ein anderes Leben und schon gar keine fertige Antwort darauf, was ich verändern wollte. Ich fühlte mich einfach manchmal überfordert, denn von Zeit zu Zeit war da eine Schwere oder dieses schwer zu beschreibende Gefühl einer Lücke, obwohl ich gar nicht hätte sagen können, was mir eigentlich fehlte. Gleichzeitig gehörte diese Überforderung so selbstverständlich zu meinem Alltag, dass ich nicht auf die Idee kam, mir Unterstützung im Außen zu suchen. Ich dachte schlicht, dass ich da eben durchmüsse.


Von außen betrachtet gab es schließlich auch keinen offensichtlichen Grund, warum es mir nicht gut gehen sollte. Ich hatte Familie, ein Zuhause, Freunde und ein Leben, das funktionierte. Selbst von meiner Mutter bekam ich damals sinngemäß zu hören: „Es gibt doch keinen Grund zu jammern. Dir geht es doch gut.“ Und sie meinte das nicht böse. Nur beantwortete dieser Satz nicht das, was ich selbst noch gar nicht richtig in Worte fassen konnte. Denn „Mir geht es doch gut“ und „Ich fühle mich lebendig“ sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge.


Vielleicht war genau das etwas, das ich damals selbst noch nicht verstanden hatte. Ich suchte gar nicht nach einem anderen Leben. Ich wusste nur noch nicht, wie ich wieder mehr von mir selbst in meinem eigenen Leben finden konnte.


Menschen entwickeln sich und nicht immer in dieselbe Richtung


Wenn zwei Menschen sehr jung miteinander beginnen, wissen sie noch nicht, wer sie mit 30, 40, 50 oder 60 sein werden. Sie sammeln Erfahrungen, entwickeln Interessen, entdecken neue Seiten an sich und verändern ihre Vorstellungen davon, wie sie leben möchten. Manchmal entwickeln sich zwei Menschen dabei lange miteinander in dieselbe Richtung, manchmal tun sie es nicht. Und niemand hat Schuld daran.


Auch wenn ich heute auf meine erste Ehe zurückblicke, brauche ich keinen Schuldigen. Mein damaliger Mann hatte eine große Leidenschaft für seinen Beruf und seine Karriere, und ich hatte meinen Platz innerhalb unserer Familie. Wir waren sehr jung zusammengekommen, bekamen Kinder und lebten eine Rollenverteilung, die vor fast vier Jahrzehnten wesentlich selbstverständlicher war als heute. Als Frau rutschte man damals ziemlich schnell in die Zuständigkeit für Kinder, Haushalt und Familienorganisation, während der Mann beruflich seinen Weg ging. Das war natürlich nicht in jeder Familie gleich und selbstverständlich gab es auch damals andere Modelle, aber die gesellschaftlichen Vorstellungen und auch die Möglichkeiten waren andere als heute.


Wenn ich noch eine Generation weiter zurückblicke, sehe ich es bei meiner früheren Schwiegermutter noch deutlicher. Sie war 60 Jahre verheiratet und erzählte auf ihrer goldenen Hochzeit einmal selbst davon, was sich für sie mit ihrer Heirat verändert hatte. Mit dieser Ehe trat sie gleichzeitig in ein Leben mit einer Bäckerei ein, mit festen Aufgaben, Erwartungen und Strukturen, nach denen sie sich zu richten hatte. Rückblickend habe ich es für mich einmal so formuliert, dass sie mit ihrem Jawort auch ein großes Stück ihrer eigenen Persönlichkeit abgegeben hatte. Als ihr Mann viele Jahrzehnte später starb, fiel es ihr unglaublich schwer, noch einmal allein Fuß zu fassen. Wenn ein ganzes Erwachsenenleben über so viele Jahre innerhalb gemeinsamer Rollen und Strukturen stattgefunden hat, finde ich das heute gar nicht so erstaunlich.


Vierzig Jahre später sah die Welt meiner Generation bereits anders aus. Wir Frauen hatten deutlich mehr Möglichkeiten, und trotzdem war die klassische Aufteilung von Beruf auf der einen und Kindern, Haushalt und Familienorganisation auf der anderen Seite noch sehr präsent. Heute beobachte ich wiederum die nächste Generation und sehe, wie selbstverständlich junge Paare darüber sprechen, wer wann arbeitet, wer sich um die Kinder kümmert und wie beispielsweise Elternzeit verteilt wird. Männer bleiben eine Zeit lang zu Hause, Frauen gehen arbeiten, beide reduzieren zeitweise ihre Arbeitszeit oder suchen miteinander nach einem Modell, das zu ihrem gemeinsamen Leben passt.


Natürlich ist deshalb heute längst nicht alles automatisch gleichberechtigt oder perfekt verteilt. Aber die Möglichkeiten, darüber miteinander zu sprechen und selbst zu entscheiden, sind größer geworden. Und zwischen diesen Generationen liegt für mich nicht nur gesellschaftliche Veränderung, sondern auch die Geschichte davon, wie viel Raum Frauen im Laufe der Zeit bekommen haben, sich überhaupt die Frage stellen zu dürfen: Wie möchte eigentlich ich leben?


Und wer bin ich, wenn die Rollen sich verändern?


Diese Frage beschäftigte mich schon viel früher, als ich sie wirklich beantworten konnte. Meine Kinder wurden größer und irgendwann stand für mich die Frage im Raum, was eigentlich passiert, wenn die Jungs erwachsen sind und ihr eigenes Leben führen. Was möchte ich dann noch von meinem Leben? Ich brauchte keinen bis ins Detail ausgearbeiteten Zehnjahresplan und wollte auch nicht wissen, wo ich an einem bestimmten Dienstag im Jahr 2035 meinen Kaffee trinken würde. Aber ich wollte eine Vorstellung davon haben, worauf wir uns eigentlich gemeinsam zubewegen.


Mein damaliger Mann sah das anders. Wenn ich solche Fragen stellte, war seine Haltung eher: Das schauen wir dann. Und auch das ist vollkommen legitim, nur reichte es mir nicht. Darin liegt für mich heute eine wichtige Erkenntnis: Nur weil der Mensch an meiner Seite ein bestimmtes Bedürfnis nicht hat, wird mein eigenes dadurch nicht falsch. Der eine braucht keine Vorstellung vom Übermorgen, während der andere neugierig darauf ist, wohin die gemeinsame Reise gehen könnte. Wir müssen daraus nicht sofort einen Konflikt machen, aber wir sollten uns selbst ernst genug nehmen, um wahrzunehmen, wenn etwas für uns wichtig ist.


Wo ist eigentlich meine Lebendigkeit geblieben?


Wenn ich heute zurückblicke, erkenne ich etwas, das ich damals überhaupt nicht so hätte benennen können. Ich war ein lebendiges Kind und eine lebendige junge Frau, neugierig, offen, gerne unterwegs, interessiert an Menschen und am Leben. Diese Seite war nicht irgendwann einfach verschwunden. In meinem damaligen Alltag gab es nur immer weniger Raum, in dem ich sie leben konnte.


Und ich glaube, genau deshalb waren kleine Impulse von außen für mich immer wieder wichtig. Gespräche mit Freundinnen, Geburtstage, gemeinsame Abende, Begegnungen mit anderen Menschen – irgendwo erzählte jemand etwas und plötzlich entstand für einen Moment ein Gedanke: Das klingt schön. Das würde mir auch gefallen. Darauf hätte ich eigentlich Lust. Anschließend ging der Alltag weiter und vieles davon geriet wieder in den Hintergrund.


Heute glaube ich, dass wir solche kleinen Momente viel ernster nehmen dürfen. Nicht jeder Gedanke ist gleich ein Lebensauftrag und wir müssen selbstverständlich nicht nach jedem inspirierenden Gespräch kündigen, umziehen oder einen Bulli kaufen. Das wäre auf Dauer vermutlich auch etwas anstrengend. Diese kleinen inneren Reaktionen können uns aber etwas erzählen. Sie zeigen uns, was uns berührt, worauf wir neugierig sind, wonach wir uns sehnen und wo möglicherweise ein Teil unserer Lebendigkeit sitzt, den wir im Alltag ein bisschen aus den Augen verloren haben.


Manchmal beginnt Veränderung ganz unspektakulär


Heute brauche ich keinen großen Zusammenbruch mehr, um wahrzunehmen, wenn mir etwas fehlt. Manchmal beginnt Veränderung mit einem Gedanken, der zunächst überhaupt nicht weltbewegend erscheint. Ich hatte beispielsweise irgendwann die Idee, dass es schön wäre, eine Frau in meiner Nähe kennenzulernen, mit der ich mich einfach ab und zu auf einen Kaffee treffen, reden und lachen kann. Also habe ich mich in einer Gruppe angemeldet und aus einem kleinen Gedanken wurde eine neue Bekanntschaft.


Andere Dinge entstehen wiederum, weil wir unterwegs sind, Menschen begegnen, ein Gespräch führen oder uns auf etwas einlassen, das wir überhaupt nicht geplant hatten. Wir können schließlich nicht wissen, welche Begegnung, welcher Satz oder welche spontane Idee etwas in Bewegung bringt. Und genau das gefällt mir heute daran.


Wir müssen nicht jeden Schritt unserer Zukunft kennen, damit sich unser Leben verändern darf. Wir müssen auch nicht heute schon wissen, wo wir in fünf Jahren wohnen, mit wem wir unseren Kaffee trinken oder welche verrückte Idee uns übermorgen einfällt. Wir dürfen uns einfach wieder erlauben, offen und neugierig zu sein und wahrzunehmen, was uns begegnet.


Heute erlebe ich sehr bewusst, wie wichtig mir meine Lebendigkeit ist. Lachen, spontan sein, Ideen haben, Pläne schmieden, etwas ausprobieren, neugierig bleiben und nicht jeden Gedanken sofort darauf überprüfen, ob er vernünftig genug ist. Ich genieße Menschen, die ebenfalls Lust auf das Leben haben, genauso wie neue Ideen und die Vorstellung, dass ich heute noch gar nicht wissen muss, wohin mich manche davon führen werden.


Und ausgerechnet das gefällt mir inzwischen ziemlich gut.


„Mir geht’s doch gut“ darf trotzdem noch eine Frage haben


Vielleicht kennst du diesen Satz auch. Du hast ein Zuhause, Menschen, die du liebst, einen Alltag, der funktioniert, und von außen betrachtet gibt es keinen vernünftigen Grund, irgendetwas infrage zu stellen. Trotzdem spürst du, dass dir etwas fehlt. Das macht dich weder undankbar noch egoistisch und bedeutet auch nicht automatisch, dass du dein komplettes Leben verändern musst.


Vielleicht fehlt dir ein Mensch, mit dem du lachen kannst. Vielleicht möchtest du wieder tanzen, reisen, lernen, schreiben, malen oder morgens einfach einmal nicht als Erstes darüber nachdenken, was alle anderen brauchen. Vielleicht beginnt ein neuer Lebensabschnitt, die Kinder gehen aus dem Haus, eine Beziehung endet, die Rente rückt näher oder du stellst einfach fest, dass die Frau, die du heute bist, nicht mehr genau dieselben Dinge braucht wie die Frau vor zwanzig Jahren. Und vielleicht weißt du noch überhaupt nicht, was du stattdessen möchtest. Auch das darf sein.


Denn der Anfang muss nicht immer lauten: „Ich weiß genau, was ich will.“ Manchmal beginnt er mit der viel leiseren Wahrnehmung: „Irgendetwas fühlt sich nicht mehr richtig rund an. Ich möchte herausfinden, was mir fehlt.“


Und genau dort kann die Suche nach den eigenen Antworten beginnen.


In meiner Arbeit begegne ich Frauen an solchen Übergängen. Nicht indem ich ihnen sage, wie ihr nächstes Kapitel aussehen soll, sondern indem wir gemeinsam hinschauen, sortieren, Fragen stellen und wieder wahrnehmen, was längst in ihnen vorhanden ist. Denn niemand anderes kann entscheiden, wie dein Leben aussehen soll oder was sich für dich lebendig anfühlt.


Eine kleine Seelenzeit für dich


Vielleicht möchtest du dir heute gar nicht die riesige Frage stellen, was du mit dem Rest deines Lebens anfangen willst. Die kann einen nämlich schon beim ersten Kaffee überfordern. 😁 Viel interessanter finde ich zunächst ein paar kleinere Fragen:


  • Wann habe ich mich zuletzt richtig lebendig gefühlt?

  • Was habe ich damals getan – und wer war ich in diesem Moment?

  • Gibt es eine Seite an mir, für die in meinem heutigen Alltag kaum noch Platz ist?

  • Und was könnte ich tun, damit sie wieder ein kleines bisschen mehr Raum bekommt?


Ich kann rückblickend keinen einzigen Tag benennen, an dem ich plötzlich wusste: Jetzt muss sich mein Leben verändern. Vielleicht gab es diesen einen Moment auch nie. Vielleicht bestand meine Veränderung aus vielen kleinen Momenten, Begegnungen, Gedanken, Entscheidungen und Impulsen, die ich aufgenommen, verworfen, wieder hervorgeholt und irgendwann ernster genommen habe, bis ich eines Tages feststellen konnte:

Ich bin längst unterwegs.

Heute weiß ich jedenfalls ziemlich genau, was ich in meinem Leben nicht mehr missen möchte: meine Lebendigkeit. Ich möchte lachen, lieben, neugierig sein, Pläne machen, Pläne wieder umwerfen, Menschen begegnen, Neues entdecken und mich überraschen lassen.

Nicht weil mein früheres Leben schlecht gewesen wäre, sondern weil dieses Leben jetzt ist.

Und ich bin ziemlich gespannt, was noch kommt und wo die Reise hingeht.


Wenn du gerade selbst spürst, dass dein Leben eigentlich funktioniert und du trotzdem nicht mehr genau weißt, wo du darin geblieben bist, darfst du mir gerne schreiben. Manchmal braucht es keine fertige Antwort, sondern einen Raum, in dem die eigenen Fragen und Gedanken erst einmal Platz bekommen dürfen.


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Fühl dich gedrückt.


Gitti 💛

 
 
 

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