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Was, wenn ich mein Leben nochmal auf den Kopf stelle?


Vor zwei Tagen hatte ich Geburtstag. Meine zukünftige Schwiegertochter fragte mich, was ich mir für mein neues Lebensjahr wünsche, und eigentlich hätte ich jetzt etwas wunderbar Besinnliches antworten können. Gesundheit natürlich, Glück, schöne Momente, all die Dinge, die wir uns eben wünschen. Stattdessen standen mir morgens beim Blick in den Spiegel die Haare dermaßen zu Berge, dass meine Antwort ziemlich schnell feststand: Das wird ein wildes Jahr. Und ein bisschen Abenteuer darf bitte auch dabei sein.


Je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir dieser Wunsch. Ich bin 64 geworden, habe gerade mein Buch „Die Löwin auf der Bettkante“ fertig geschrieben, das am 15. September veröffentlicht wird, und könnte mich jetzt gemütlich zurücklehnen und sagen: geschafft. Gleichzeitig könnte ich aber auch anfangen, das nächste Buch zu schreiben. Und irgendwie ist das doch ein ziemlich schönes Bild für unser Leben. Nur weil ein Kapitel abgeschlossen ist, bedeutet das schließlich nicht, dass die spannendsten Seiten bereits hinter uns liegen.


In meinem Kopf entstehen gerade viele Gedanken darüber, wie die kommenden Jahre aussehen könnten. Ich möchte reisen, andere Landschaften sehen, andere Menschen und Lebensweisen kennenlernen, mich von neuen Orten inspirieren lassen und zwischendurch auch einmal nicht wissen, was mich hinter der nächsten Ecke erwartet. Dabei möchte ich gar nicht alles hinter mir lassen oder mein bisheriges Leben gegen ein vollkommen anderes eintauschen. Ich mag vieles von dem, was zu meinem Leben gehört. Aber muss das bedeuten, dass ich die nächsten Jahre genauso verbringe wie die vergangenen?


Was, wenn ich mein Leben nochmal auf den Kopf stelle?


Wir kennen diese Geschichten von Menschen, die nach einer Trennung plötzlich alles verändern. Frauen kaufen oder mieten sich einen Bulli und fahren los, andere ziehen in eine neue Stadt, beginnen noch einmal eine Ausbildung, reisen allein oder verwirklichen einen Wunsch, den sie jahrelang vor sich hergeschoben haben. Oft bewundern wir ihren Mut, und gleichzeitig entsteht schnell der Eindruck, dass es erst einen großen Einschnitt braucht, bevor wir uns erlauben dürfen, unser eigenes Leben noch einmal neu zu betrachten.


Aber warum eigentlich?


Warum muss erst etwas wegbrechen, damit etwas Neues entstehen darf? Warum braucht es erst eine Trennung, eine Krise, den Renteneintritt oder einen anderen großen Einschnitt, bevor wir uns fragen, was wir eigentlich noch erleben möchten? Wir dürfen doch auch mitten in einem Leben, das grundsätzlich in Ordnung ist, feststellen, dass wir neugierig geworden sind.


Vielleicht möchte ich gar nicht aus meinem Leben aussteigen.

Vielleicht möchte ich einfach noch ein bisschen mehr hinein.


Ich liebe beispielsweise Fuerteventura und werde diese Insel deshalb nicht plötzlich weniger lieben, nur weil mich auch andere Orte interessieren. Aber vielleicht müssen es in Zukunft nicht immer mehrere Wochen dort sein. Vielleicht reichen zehn Tage, bevor ich weiterziehe und mir einen Ort anschaue, an dem ich noch nie gewesen bin. Etwas Neues zu wollen bedeutet schließlich nicht, dass das Vertraute plötzlich seinen Wert verliert.


Ich möchte nicht aufhören, das zu lieben, was ich kenne. Ich möchte anfangen, auch das kennenzulernen, was ich noch nicht kenne.


Wie lange wollen wir eigentlich auf „später“ warten?


Viele von uns sind mit einer ziemlich klaren Vorstellung vom Leben groß geworden. Wir gehen zur Schule, lernen einen Beruf, arbeiten, kümmern uns um Familie, Verpflichtungen und Alltag und irgendwann kommt die Rente. Dann haben wir Zeit. Dann reisen wir. Dann machen wir all die Dinge, für die vorher angeblich kein Platz war.

Nur ist dieses „irgendwann“ inzwischen ganz schön weit nach hinten gerutscht. Für Menschen ab dem Geburtsjahrgang 1964 liegt die reguläre Altersgrenze bei 67 Jahren. Gleichzeitig arbeiten in Deutschland Millionen Menschen zwischen 55 und 64 Jahren weiterhin. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die teilweise seit Jahrzehnten arbeiten, Verantwortung tragen und sich fragen, wie lange ihre Kraft noch reicht.

Natürlich bedeutet das nicht, dass wir mit 55 alles hinschmeißen und einen Bulli bestellen müssen. Es bedeutet für mich etwas anderes:

Ich möchte mein Leben nicht ausschließlich auf ein später verschieben, von dem ich heute noch gar nicht weiß, wie es aussehen wird.

Gerade wenn sich Lebenssituationen verändern, tauchen diese Fragen häufig ganz von selbst auf. Nach einer Trennung, in einer Phase großer Erschöpfung, beim Übergang in die Rente, nach einer gesundheitlichen Veränderung, wenn die Kinder ihre eigenen Wege gehen oder wenn wir plötzlich merken, dass das, was viele Jahre gut zu uns gepasst hat, heute nicht mehr dasselbe Gefühl auslöst.


Solche Veränderungen müssen nicht ausschließlich Verlust bedeuten. Sie können auch eine Einladung sein, das eigene Leben noch einmal mit anderen Augen anzuschauen.


Sechs Jahre können verdammt viel Leben sein


Mein Ex-Mann wird im nächsten Monat 70. Als ich darüber nachgedacht habe, ist mir plötzlich aufgefallen: Ich bin gerade 64 geworden. Bis zu meinem 70. Geburtstag liegen sechs Jahre vor mir.


Und auf einmal fand ich diese Zahl überhaupt nicht erschreckend, sondern ziemlich aufregend.


Was könnte ich in sechs Jahren alles sehen? Welche Menschen könnte ich kennenlernen? Welche Landschaften könnten mich noch sprachlos machen? Welche Geschichten könnte ich schreiben? Welche Entscheidungen könnte ich treffen, von denen ich heute noch überhaupt nichts ahne?


Sechs Jahre sind nicht einfach die Zeit zwischen 64 und 70. Es sind 72 Monate voller Möglichkeiten.


Natürlich meldet sich bei solchen Gedanken auch die andere Seite. Darf ich mein Leben einfach verändern? Was lasse ich zurück? Was denken Menschen, die mich kennen? Halten sie mich womöglich für vollkommen bekloppt? Ein Teil davon interessiert mich inzwischen herzlich wenig. Trotzdem gibt es eine Frage, die mich durchaus beschäftigt:


Muss ich ein schlechtes Gewissen gegenüber den Menschen haben, die mich über viele Jahre begleitet haben?


Gegenüber Menschen, mit denen ich ein Stück meines Lebens geteilt habe, die für mich da waren, mich unterstützt haben und mit denen mich viele schöne Erinnerungen verbinden? Gegenüber meiner Familie, meinen erwachsenen Kindern oder meiner Mutter? Ich glaube nicht. Dankbarkeit für das, was Menschen miteinander verbindet oder miteinander erlebt haben, bedeutet nicht, dass wir deshalb für den Rest unseres Lebens dieselben Wege gehen müssen. Wir dürfen einander lieben, miteinander verbunden bleiben und trotzdem unser eigenes Leben weiterentwickeln.


Meine Söhne sind erwachsene Männer und führen längst ihr eigenes Leben. Meine Mutter hat mit 82 Jahren ihren eigenen Alltag, ihre Wünsche, ihre Reisen und ihre Entscheidungen. Natürlich sind sie ein wichtiger Teil meines Lebens und natürlich denke ich darüber nach, was meine Entscheidungen für Menschen bedeuten, die ich liebe. Das gehört für mich zu Verbundenheit und Verantwortung.

Aber mein Leben gehört trotzdem mir.


Ich glaube, genau darin liegt für viele Frauen eine der großen Herausforderungen eines neuen Lebensabschnitts. Wir haben jahrzehntelang Verantwortung getragen, uns gekümmert, begleitet, unterstützt und unser Leben mit anderen Menschen verwoben. Wenn wir dann irgendwann wieder stärker danach fragen, was wir selbst noch erleben möchten, kann sich das beinahe egoistisch anfühlen. Dabei ist es etwas vollkommen anderes, Menschen rücksichtslos zurückzulassen oder sich selbst zu erlauben, das eigene Leben weiterzuleben.


Ich muss niemanden weniger lieben, damit ich neugierig auf etwas Neues sein darf. Ich muss das bisherige Leben nicht schlechtreden, um mir ein anderes Drumherum zu wünschen. Und ich muss mich auch nicht dafür entschuldigen, dass meine Wünsche heute andere sind als vor zehn oder zwanzig Jahren. Rücksichtnahme, Liebe und Verbundenheit dürfen bleiben, aber sie müssen nicht bedeuten, die eigenen Wünsche vorsorglich in eine Schublade zu legen.


Du musst dein bisheriges Leben nicht ablehnen, um dir für deine Zukunft etwas Neues zu wünschen.


Was wäre denn dein Abenteuer?



Abenteuer muss übrigens überhaupt nichts mit einem Bulli, einem One-Way-Ticket oder einer Weltreise zu tun haben. Für einen Menschen bedeutet Abenteuer, allein in ein fremdes Land zu reisen, für einen anderen, zum ersten Mal allein ins Theater zu gehen. Es kann eine neue Liebe sein, eine Weiterbildung, ein Umzug, ein Ehrenamt, ein neues Hobby oder der Entschluss, endlich etwas auszuprobieren, über das man seit Jahren spricht.


Entscheidend ist nicht, wie spektakulär eine Veränderung von außen aussieht. Entscheidend ist, ob sie etwas in dir lebendig werden lässt.


Und manchmal wissen wir noch gar nicht, was dieses Neue sein soll. Auch das ist in Ordnung. Gerade in meiner Arbeit begegne ich Frauen, die nach einer Trennung, während einer Phase der Erschöpfung oder an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt zunächst überhaupt keine fertige Antwort haben. Genau darum geht es auch nicht. Niemand muss heute schon wissen, wie die nächsten zehn Jahre aussehen sollen.


Ein neuer Lebensabschnitt kann viel kleiner beginnen: mit dem bewussten Wahrnehmen dessen, was mir fehlt, wonach ich mich sehne und was wieder mehr Raum in meinem Leben bekommen darf. Dabei kann eine Begleitung helfen, nicht weil jemand anderes die Antworten für mich kennt, sondern weil ein anderer Blickwinkel dabei unterstützen kann, die eigenen Antworten wieder wahrzunehmen.


Eine kleine Seelenzeit für dich


Wenn du magst, nimm dir heute ein paar Minuten und denke einmal nicht darüber nach, was vernünftig wäre, was andere erwarten oder was sich vermutlich umsetzen lässt. Erlaube dir stattdessen, einfach neugierig zu sein:


  • Was möchtest du in den nächsten sechs Jahren noch erleben?

  • Was schiebst du schon lange auf dieses berühmte „irgendwann“?

  • Und was würdest du ausprobieren, wenn du für einen Moment nicht darüber nachdenken würdest, was andere davon halten?



Ich weiß heute noch nicht, wie mein Leben mit 70 aussehen wird. Zum Glück. Denn wie langweilig wäre es bitte, wenn ich jetzt schon jede einzelne Seite kennen würde?

Für mein neues Lebensjahr weiß ich erst einmal nur eines: Meine Haare haben die Richtung vorgegeben. Es darf wild werden, es darf Abenteuer geben, und ich möchte neugierig bleiben auf all das, was ich heute noch gar nicht kenne. Denn wir haben dieses eine Leben. Und ich finde, wir dürfen durchaus ein bisschen gespannt darauf sein, was wir noch daraus machen.


Wenn du gerade selbst an einem Punkt stehst, an dem ein neuer Lebensabschnitt beginnt und du deine eigenen Antworten noch suchst, findest du in meinem Raum Herzsamkeit verschiedene Möglichkeiten, dich ein Stück deines Weges begleiten zu lassen.


Auf meiner Website kannst du dich außerdem für meinen Newsletter anmelden. Als Dankeschön für deine Anmeldung erhältst du Zugang zu meinem kostenlosen 25-seitigen E-Book mit Gedanken, Übungen und Impulsen, die dich auf deinem eigenen Weg begleiten können.


Und natürlich findest du mich auch auf Instagram und Facebook, wo wir uns über genau solche Gedanken austauschen können.


Fühl dich gedrückt.


Deine Gitti 💛

 
 
 

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