Warum wir uns so oft für unsere Gefühle entschuldigen
- Gitti Globig
- vor 5 Tagen
- 6 Min. Lesezeit

Eine Frau sitzt mit einer Freundin in einem Café. Sie lachen, erzählen und genießen den gemeinsamen Nachmittag, bis ihr während des Gesprächs plötzlich die Tränen in die Augen steigen. Noch bevor sie überhaupt erklären kann, was sie gerade bewegt, sagt sie einen Satz, den wahrscheinlich viele von uns schon einmal ausgesprochen haben: „Entschuldige, ich weiß auch nicht, was heute mit mir los ist.“
Vielleicht kennst du diesen Moment oder einen ähnlichen. Du hast womöglich auch schon einmal gesagt, dass du heute sehr nah am Wasser gebaut bist, gerade etwas empfindlich reagierst oder gar nicht weinen wolltest. Solche Sätze kommen häufig fast automatisch, und manchmal merken wir gar nicht, dass wir uns in diesem Augenblick für etwas entschuldigen, das zutiefst menschlich ist.
🌿 Interessanter Gedanke
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass wir uns häufig gar nicht für unsere Gefühle entschuldigen, sondern dafür, dass sie sichtbar werden.
Unsicherheit, Angst oder Erschöpfung können lange in uns verborgen bleiben, ohne dass jemand etwas davon bemerkt. Sobald jedoch die Stimme brüchig wird, die Tränen laufen oder wir offen aussprechen, wie es uns wirklich geht, entsteht plötzlich das Gefühl, wir müssten uns erklären. Fast so, als hätten wir unser Gegenüber ungefragt mit etwas belastet, das wir besser für uns behalten hätten.
Ich kenne dieses Gefühl gut. In meinem Leben gab es Zeiten, in denen mir plötzlich die Tränen kamen, ohne dass ich in diesem Moment genau benennen konnte, was sie ausgelöst hatte. Natürlich gab es Gründe, Belastungen und Dinge, die mich innerlich beschäftigten, doch Gefühle halten sich nicht immer an den Zeitpunkt, den unser Verstand für passend hält. Sie tauchen manchmal in einem Gespräch auf, beim Anblick eines Bildes, bei einem Satz, der uns berührt, oder in einem Moment, in dem wir uns endlich sicher genug fühlen, um nicht mehr alles zurückhalten zu müssen.
Noch bevor jemand reagieren konnte, habe ich mich häufig entschuldigt. Nicht unbedingt, weil ich meine Gefühle für falsch hielt, sondern weil ich dachte, ich würde den anderen Menschen damit belasten oder in eine Situation bringen, mit der er nicht umgehen kann. Wer mich nicht näher kannte, konnte möglicherweise gar nicht verstehen, warum mich bestimmte Geschichten von Kindern, Tieren, älteren Menschen oder Menschen in schwierigen Lebenssituationen so tief berührten. Für mich war es ein echtes Mitgefühl, das sich körperlich zeigte, während mein Gegenüber womöglich nur dachte: Warum weint sie denn jetzt?
Heute sehe ich solche Situationen anders. Ich glaube nicht mehr, dass Gefühle grundsätzlich das Problem sind. Viel häufiger fürchten wir die Reaktion des anderen Menschen, weil wir nicht wissen, ob er unsere Tränen aushält, uns ernst nimmt oder sich innerlich bereits zurückzieht.

Menschen gehen sehr unterschiedlich mit sichtbaren Gefühlen um. Der eine nimmt uns vielleicht liebevoll in den Arm, hört zu und bleibt einfach einen Moment bei uns, ohne sofort nach einer Lösung zu suchen. Ein anderer fühlt sich hilflos, wechselt das Thema oder zieht sich zurück, weil er nie gelernt hat, mit starken Emotionen umzugehen. Je nachdem, wie nah die Beziehung ist, kann zusätzlich das Gefühl entstehen, nun unbedingt trösten, helfen oder die Situation retten zu müssen. Damit geraten beide Seiten unter Druck: Der eine entschuldigt sich für seine Tränen, während der andere glaubt, eine Antwort oder Lösung liefern zu müssen.
Dabei könnte Ehrlichkeit in solchen Momenten viel mehr Nähe schaffen als ein vorschneller Trost, der sich für beide nicht richtig anfühlt. Ein Mensch dürfte zum Beispiel sagen: „Es tut mir leid, dass es dir gerade so geht. Ich merke aber auch, dass ich mit diesen starken Gefühlen unsicher bin und gar nicht weiß, was du von mir brauchst.“
Ein solcher Satz mag im ersten Augenblick ungewohnt wirken, ist aber ehrlicher als ein Rückzug, ein Themenwechsel oder ein gut gemeinter Ratschlag, um den niemand gebeten hat. Gleichzeitig öffnet er einen Raum, in dem der andere sagen kann, ob er eine Umarmung, ein offenes Ohr, ein wenig Ruhe oder vielleicht überhaupt keine Lösung braucht. Aus einem Moment, der zunächst für beide unangenehm erscheint, kann dadurch ein sehr ehrliches Gespräch entstehen.
Gerade in engen Beziehungen kann diese Offenheit etwas sichtbar machen, das bisher im Verborgenen lag. Der Mensch, dem die Tränen kommen, kann erklären, dass er sich in bestimmten Situationen allein, missverstanden oder hilflos fühlt. Das Gegenüber kann wiederum aussprechen, dass es mit Gefühlen schwer umgehen kann, weil es selbst nie erlebt hat, dass darüber offen gesprochen wurde. Plötzlich geht es nicht mehr nur um die Tränen, sondern um zwei Menschen, die beginnen, einander besser zu verstehen.
Nicht jede Situation wird dadurch sofort leicht, und nicht jeder Mensch kann oder möchte sich auf eine solche Unterhaltung einlassen. Trotzdem glaube ich, dass ehrliche Worte häufig wertvoller sind als das Gefühl, sich voreinander zusammenreißen zu müssen. Niemand sollte seine Gefühle verstecken müssen, und gleichzeitig darf auch das Gegenüber seine eigenen Grenzen und Bedürfnisse wahrnehmen.
Gefühle entstehen nicht, um uns das Leben schwer zu machen. Sie sind Reaktionen unseres Körpers und unserer inneren Wahrnehmung auf das, was wir erleben. Angst kann uns auf eine mögliche Gefahr oder Unsicherheit aufmerksam machen. Wut zeigt häufig, dass eine Grenze berührt oder überschritten wurde. Traurigkeit begleitet Verluste, Abschiede, Enttäuschungen oder den Gedanken daran, dass das Leben und unsere gemeinsame Zeit nicht unendlich sind. Freude verbindet uns mit dem, was uns guttut, und Mitgefühl lässt uns Anteil am Leben anderer Menschen nehmen.
Je älter wir werden, desto bewusster nehmen viele von uns wahr, dass nicht alles unbegrenzt zur Verfügung steht. Zeit, Begegnungen, Möglichkeiten und gemeinsame Erlebnisse bekommen dadurch mitunter ein anderes Gewicht. Dinge, die wir früher als selbstverständlich betrachtet haben, berühren uns plötzlich stärker. Das bedeutet nicht, dass wir empfindlicher oder schwächer geworden sind. Es kann ebenso bedeuten, dass wir genauer hinsehen, bewusster fühlen und den Wert eines Augenblicks anders wahrnehmen als früher.
Auch ich habe im Laufe meiner Coaching-Ausbildung und durch viele persönliche Reflexionen lernen dürfen, meine Gefühle nicht mehr sofort gegen mich zu verwenden. Lange Zeit habe ich mir für vieles die Schuld gegeben und geglaubt, ich müsse mich stärker anpassen, damit ein anderer Mensch zufrieden ist, mich liebt oder sich mir wieder näher fühlt. Wenn eine Beziehung schwierig wurde oder sich jemand von mir zurückzog, suchte ich die Ursache zuerst bei mir und fragte mich, was ich anders hätte machen müssen.
Mit der Zeit erkannte ich, dass ich nicht dafür verantwortlich bin, den Vorstellungen anderer Menschen zu entsprechen. Ich darf Entscheidungen treffen, die sich für mich richtig anfühlen, Grenzen setzen und Dinge anders sehen, ohne mich dafür schuldig fühlen zu müssen. Vor allem darf ich so sein, wie ich bin, und fühlen, was ich fühle, ohne mich automatisch dafür zu entschuldigen.
Das bedeutet nicht, jede Emotion ungefiltert an anderen auszulassen oder die Verantwortung für das eigene Verhalten abzugeben. Gefühle und Handlungen sind nicht dasselbe. Wut darf da sein, doch sie gibt uns nicht das Recht, jemanden zu verletzen. Angst darf da sein, doch sie muss nicht jede Entscheidung übernehmen. Traurigkeit darf sichtbar werden, ohne dass ein anderer Mensch sie für uns beseitigen muss.
Achtsamkeit bedeutet für mich auch hier, zunächst wahrzunehmen, was in mir geschieht, ohne mich dafür zu verurteilen. Ich darf mich fragen, was mich gerade berührt hat, welches Bedürfnis hinter meinem Gefühl liegt und ob ich im Moment Nähe, Ruhe, Unterstützung oder einfach ein wenig Zeit für mich brauche. Aus dieser ehrlichen Wahrnehmung entsteht viel eher ein guter Umgang mit Gefühlen als aus dem Versuch, sie schnell zu unterdrücken oder wegzuerklären.
Es geht also nicht darum, weniger zu fühlen. Es geht darum, die eigenen Gefühle besser kennenzulernen, Verantwortung für den Umgang mit ihnen zu übernehmen und gleichzeitig aufzuhören, sich für ihr bloßes Dasein zu entschuldigen. Wir dürfen traurig, erschöpft, unsicher, wütend, berührt oder voller Freude sein, ohne uns damit falsch zu machen.
Vielleicht verändert sich bereits etwas, wenn aus dem Satz „Entschuldige, ich bin heute nah am Wasser gebaut“ irgendwann ein ehrlicherer Satz wird: „Heute berührt mich vieles sehr, und ich brauche gerade einen Moment.“
Drei Fragen für dich
💭 Für welches Gefühl entschuldigst du dich besonders häufig, obwohl du eigentlich nichts falsch gemacht hast?
💭 Wie reagieren Menschen in deinem Umfeld, wenn du deine Gefühle offen zeigst, und was wünschst du dir in solchen Momenten wirklich?
💭 Was würde sich für dich verändern, wenn du deine Gefühle zunächst wahrnehmen dürftest, ohne sie sofort erklären, rechtfertigen oder kleinreden zu müssen?
Ich freue mich auf den Austausch
Mich würde sehr interessieren, ob du dich in diesen Gedanken wiederfindest. Kennst du Situationen, in denen du dich für Tränen, Erschöpfung, Angst oder ein klares Nein entschuldigt hast, obwohl du im Grunde einfach nur ehrlich gezeigt hast, wie es dir gerade geht?
Wenn du magst, erzähl mir gerne in den Kommentaren davon. Ich lese jeden einzelnen Kommentar und freue mich über einen offenen, respektvollen Austausch.
Falls du deine Gedanken lieber persönlich mit mir teilen möchtest, kannst du mir jederzeit an lebensfreudeistherzsamkeit@gmail.com schreiben. Nicht alles möchte man öffentlich erzählen, und das ist vollkommen in Ordnung.
Weitere Gedanken über Achtsamkeit, Selbstreflexion und die leisen Veränderungen unseres Lebens findest du hier im Blog, in meinem Newsletter und auf Instagram unter @herzsamkeit_lebensfreude.
Und vielleicht nimmst du heute nur diesen Gedanken mit:
Du musst dich nicht dafür entschuldigen, dass du fühlst. Du darfst lernen, deinen Gefühlen zuzuhören, ohne dich von ihnen beherrschen zu lassen – und du darfst so sein, wie du bist.
Fühl dich gedrückt.
Gitti 💛



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