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Warum wir manches längst verstanden haben und trotzdem immer wieder genauso reagieren


Es gibt Momente, in denen wir ein Buch zuklappen, einen Podcast beenden oder nach einem Gespräch nach Hause fahren und denken: Jetzt habe ich es verstanden.


Plötzlich ergeben viele Dinge Sinn. Zusammenhänge werden klar, Erfahrungen bekommen einen neuen Platz und wir erkennen, warum wir in bestimmten Situationen immer wieder ähnlich reagieren. Dieses Gefühl kann unglaublich befreiend sein. Endlich scheint etwas greifbar zu werden, das wir vielleicht lange nicht in Worte fassen konnten.


Und trotzdem erleben viele von uns kurze Zeit später etwas, das zunächst frustrierend sein kann. Eine vertraute Situation taucht auf, jemand sagt einen bestimmten Satz oder etwas läuft anders als geplant und wir reagieren beinahe genauso wie früher. Hinterher fragen wir uns vielleicht:

Warum passiert mir das immer noch?

Ich dachte, ich hätte das längst verstanden.


Diese Frage begegnet mir auch immer wieder in Gesprächen mit meinen Klientinnen. Und ehrlich gesagt kenne ich sie auch aus meinem eigenen Leben.


🌿 Interessanter Gedanke


Verstehen geschieht im Kopf. Veränderung entsteht durch neue Erfahrungen.


Je länger ich Menschen begleite und je länger ich selbst diesen Weg gehe, desto deutlicher wird mir, wie groß der Unterschied zwischen Verstehen und Verändern tatsächlich ist. Eine Erkenntnis kann vieles in Bewegung bringen. Sie öffnet eine Tür. Hindurchgehen müssen wir allerdings selbst und das gelingt selten mit einem einzigen Schritt.


Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, dass Veränderung nicht an dem Tag entsteht, an dem wir etwas verstehen. Sie beginnt mit diesem ersten Aha-Moment, wächst aber erst durch das, was wir danach immer wieder tun. Unser Gehirn und unser Nervensystem lernen durch regelmäßiges Training. Immer dann, wenn wir in einer vertrauten Situation bewusst anders reagieren als bisher, entsteht eine neue Erfahrung. Anfangs fühlt sich das ungewohnt an. Mit der Zeit aber wird genau dieses neue Verhalten vertrauter und darf seinen Platz in unserem Alltag finden.


Deshalb überrascht es mich heute nicht mehr, wenn ich bemerke, dass ich gerade wieder dabei bin, in ein altes Muster zurückzufallen. Auch das gehört zu meinem Leben. Der Unterschied ist nur, dass ich es heute viel früher wahrnehme. Genau dieses bewusste Wahrnehmen kann man trainieren. Und vielleicht ist das eine der wertvollsten Erfahrungen, die ich in den vergangenen Jahren machen durfte.


Manchmal zeigt sich das in ganz alltäglichen Situationen.


Du schreibst jemandem eine Nachricht und bekommst keine Antwort. Ohne dass wir es bewusst merken, beginnt unser Kopf, die Lücken zu füllen.

Vielleicht habe ich etwas Falsches gesagt.

Vielleicht ist die Person enttäuscht.

Vielleicht möchte sie gar keinen Kontakt mehr. 

Dabei wissen wir in diesem Moment nur eine einzige Tatsache: Es ist noch keine Antwort gekommen. Alles andere ist eine Geschichte, die unser Kopf gerade erzählt.


Oder wir freuen uns auf ein neues Projekt, schmieden Pläne und spüren plötzlich, wie sich Zweifel einschleichen. Aus Erfahrung weiß ich inzwischen, dass genau dann "Herr Zweifel" an meine innere Tür klopft.


Illustration mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.
Illustration mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.

Ja, ich lebe mit Herrn Zweifel :-)))


Er ist inzwischen fast eine kleine Figur geworden, die mich durch meinen Alltag begleitet. Und nein, ich möchte ihn gar nicht loswerden. Ich mag ihn sogar sehr. Denn meistens taucht er nicht auf, um mir Steine in den Weg zu legen. Er möchte mich auf etwas aufmerksam machen. Er stellt Fragen, weist auf mögliche Risiken hin und erinnert mich daran, nicht kopflos loszulaufen.


Früher hat Herr Zweifel allerdings oft das Steuer übernommen. Heute höre ich ihm erst einmal zu. Ich nehme wahr, was er mir sagen möchte, bedanke mich für seinen Hinweis und dann entscheide ich selbst, wie viel Raum ich ihm geben möchte. Manchmal schicke ich ihn gedanklich einfach auf den Balkon. Dort darf er sitzen, beobachten und abwarten. Die Entscheidung treffe trotzdem ich!!!


Genau darin liegt für mich der Unterschied.

Nicht jeder Gedanke braucht meine Zustimmung.

Nicht jede Befürchtung muss Wirklichkeit werden.

Und nicht jede Geschichte, die mein Kopf erzählt, entspricht automatisch den Tatsachen.


Diese kleine Pause zwischen einem Gedanken und meiner Reaktion hat mein Leben verändert.


Während meiner Coaching-Ausbildung und in den Jahren danach habe ich genau das immer wieder trainiert. Nicht einmal. Nicht zehnmal. Sondern immer wieder - fast täglich. Mit jeder neuen Erfahrung ist es ein kleines bisschen leichter geworden, innezuhalten, bevor ich automatisch reagiere. Das bedeutet nicht, dass ich heute alles richtig mache. Es bedeutet nur, dass ich mir häufiger die Möglichkeit schenke, bewusst zu entscheiden.


Deshalb antworte ich einer Klientin, die zu mir sagt: „Ich weiß das doch alles schon.“, meistens mit einem Lächeln:


"Da bin ich mir sogar ziemlich sicher. Mich interessiert viel mehr, ob es Situationen gibt, in denen du ganz automatisch handelst, ohne überhaupt zu bemerken, dass du gerade wieder in einem vertrauten Muster unterwegs bist."


Denn genau dort beginnt Veränderung.

Nicht beim Wissen, sondern in dem Moment, in dem wir wahrnehmen, was gerade in uns geschieht.


🌿 Eine kleine Einladung


Vielleicht magst du in den nächsten Tagen einmal ein kleines Experiment ausprobieren.


Immer dann, wenn du bemerkst, dass dein Gedankenkarussell losfährt, halte einen Augenblick inne. Versuche nicht sofort, deine Gedanken zu verändern. Beobachte sie zunächst einfach. Welche Geschichte erzählt dein Kopf gerade? Welche davon ist tatsächlich eine Tatsache und welche entsteht aus deiner Interpretation?


Allein diese bewusste Wahrnehmung kann schon etwas verändern.

Nicht, weil plötzlich alle Zweifel verschwinden, sondern weil du beginnst, selbst zu entscheiden, welchem Gedanken du folgen möchtest.


Je länger ich Menschen begleite, desto mehr bin ich überzeugt, dass jede Erfahrung, die wir in unserem Leben machen, ihren Wert hat. Die schönen genauso wie die schwierigen. Vorausgesetzt, wir sind bereit, aus ihnen zu lernen. Erfahrungen aus der Vergangenheit sind für mich Gold wert. Sie helfen uns nicht dabei, das Gestern zu verändern. Sie können uns aber dabei unterstützen, dem Morgen mit etwas mehr Bewusstsein zu begegnen.


Persönliche Entwicklung bedeutet unter Umständen gar nicht, niemals wieder in alte Muster zurückzufallen. Vielleicht bedeutet sie vielmehr, sie immer früher zu erkennen und sich dadurch die Freiheit zu schenken, Schritt für Schritt neue Erfahrungen zu machen.


Drei Fragen für dich


💭 In welchen Situationen erzählt dir dein Kopf manchmal Geschichten, obwohl du die Wahrheit noch gar nicht kennst?


💭 Woran merkst du heute schneller als früher, dass du gerade in ein vertrautes Muster zurückfällst?


💭 Welchen Gedanken möchtest du beim nächsten Mal einfach freundlich neben dir Platz nehmen lassen, statt ihm sofort zu folgen?


Ein Gedanke zum Schluss


Wenn du dich beim Lesen an der einen oder anderen Stelle wiedergefunden hast und dir sogar dein ganz persönlicher „Herr Zweifel“ hin und wieder begegnet, dann sei freundlich zu ihm.


Er gehört wahrscheinlich genauso zu deinem Leben wie meiner zu meinem. Du musst ihm nicht die Tür vor der Nase zuschlagen. Es reicht oft schon, ihm einen anderen Platz zu geben.


Schreib mir gerne in die Kommentare, oder wenn dir ein persönlicher Austausch lieber ist, schreib mir an lebensfreudeistherzsamkeit@gmail.com. Nicht alles möchte man öffentlich teilen und genau das respektiere ich.


Weitere Gedanken rund um Achtsamkeit, Selbstfürsorge und die kleinen leisen Veränderungen des Lebens findest du hier im Blog, in meinem Newsletter und auf Instagram unter @herzsamkeit_lebensfreude.


Verstehen ist der Anfang. Veränderung beginnt in dem Moment, in dem wir uns erlauben, eine neue Erfahrung zu machen.

Fühl dich gedrückt.

Gitti 💛


 
 
 

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