Ich frage dich nicht: Was stimmt nicht mit dir?

Sondern: Wie fühlt sich das für dich an?
Es gab Zeiten in meinem Leben, da hätte ich wahrscheinlich ziemlich schnell herausposaunt: „Boah, warum siehst du das denn so eng? Für mich wäre das überhaupt kein Problem.“
Heute denke ich anders darüber, denn irgendwann habe ich verstanden, dass mein Empfinden kein Maßstab für das Empfinden eines anderen Menschen ist. Nur weil mich eine Situation nicht aus der Ruhe bringt, bedeutet das nicht, dass sie einen anderen Menschen nicht tief berühren darf. Und nur weil ich etwas schnell abhaken kann, muss der Mensch neben mir noch lange nicht genauso reagieren.
Heute interessiert mich deshalb viel mehr: „Warum fühlt sich das für dich gerade nicht gut an?“
Nicht, weil ich automatisch derselben Meinung bin oder jedes Gefühl meines Gegenübers nachvollziehen muss, sondern weil ich verstehen möchte, was dieser Mensch gerade erlebt. Im Gespräch entdecke ich dabei durchaus einen Blickwinkel, den ich vorher überhaupt nicht gesehen habe, und denke hinterher: Ach, guck mal. Jetzt verstehe ich zumindest, warum dich das so beschäftigt.
Das verändert eine Menge.
Wir sitzen nicht im selben Kopf
Zwei Menschen erleben dieselbe Situation und reagieren vollkommen unterschiedlich darauf. Der eine schläft am Abend seelenruhig ein, während beim anderen nachts das Gedankenkarussell eine Extraschicht einlegt. Einer möchte sofort reden, ein anderer braucht erst einmal Abstand. Einer wird still, einer weint und der Nächste wird gereizt.
Keiner dieser Menschen ist deshalb falsch.
Wir gehen schließlich nicht unbelastet und mit frisch formatierter Festplatte durchs Leben. Wir bringen unsere Erfahrungen mit, unsere Geschichte, unsere Ängste und Wünsche, unsere Bedürfnisse und all das, was wir irgendwann über uns selbst, über Beziehungen und über das Leben gelernt haben.
Genau deshalb mag ich die Frage „Was stimmt denn nicht mit dir?“ überhaupt nicht. Sie trägt für mich bereits eine Bewertung in sich, denn offenbar müsste mit mir etwas nicht stimmen, nur weil ich gerade anders reagiere, als jemand anderes es von mir erwartet.
Mich interessiert eine andere Frage wesentlich mehr:
Wie fühlt sich das für dich an?
Denn darüber können wir reden.
Mein Körper ist manchmal schneller als mein Kopf
Meine persönliche Eskalationsleiter kenne ich inzwischen ziemlich gut. Wenn mich etwas länger beschäftigt, merke ich es häufig zuerst nachts. Ich wache auf, und während vernünftige Menschen um drei Uhr morgens schlafen, eröffnet mein Kopf eine außerordentliche Sitzung zu sämtlichen Themen, die problemlos bis zum Frühstück hätten warten können.
Sinkt meine Kraft weiter, werde ich gereizter. Und wenn ich anfange, richtig zickig zu werden, ist das bei mir schon kurz vorm Platzverweis. 😁 Meldet sich schließlich auch noch dieses mir bestens bekannte Ziehen im unteren Rücken, weiß ich aus Erfahrung: Meine Energie ist ziemlich weit unten angekommen. Dann hilft kein „Ach, wird schon wieder“. Dann schaue ich hin.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Rückenbeschwerden, Schlafprobleme oder andere körperliche Symptome automatisch eine seelische Ursache haben. Unser Körper ist keine Übersetzungstabelle, in der neben jedem Symptom die passende emotionale Erklärung steht, und neue, starke oder anhaltende Beschwerden gehören medizinisch abgeklärt.
Mir geht es um etwas anderes: Mit der Zeit lernen wir uns kennen.
Wir merken, wie wir reagieren, wenn uns etwas beschäftigt, wenn unsere Kräfte schwinden oder wir zu lange über unsere eigenen Grenzen gegangen sind. Bei dir zeigt sich das möglicherweise ganz anders als bei mir. Entscheidend ist nicht, ob dein Körper genauso reagiert wie meiner. Entscheidend ist, ob du seine Signale überhaupt noch bemerkst.
„Krone richten und weiter“ klingt wunderbar. Aber wohin eigentlich?
Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen. Dieser Satz klingt stark, macht sich hervorragend auf Tassen, Postkarten und vermutlich auch auf Sofakissen und hat ganz sicher seine Berechtigung.
Nur mit dem automatischen „weiter“ habe ich inzwischen ein kleines Problem.
Was ist zwischen Hinfallen und Weitergehen passiert? Habe ich überhaupt wahrgenommen, was mich verletzt, erschöpft oder aus der Bahn geworfen hat? Habe ich verstanden, was gerade in mir los ist, oder habe ich meine Krone schnell wieder geradegerückt, damit möglichst niemand merkt, dass darunter ziemliches Chaos herrscht?
Wir verwechseln Stärke erstaunlich schnell mit Funktionieren.
Frauen gelten bis heute gern als emotional, empfindlich oder zickig, während besonders viele Männer älterer Generationen mit der Vorstellung groß geworden sind, stark sein zu müssen und Gefühle möglichst unter Kontrolle zu halten. Für mich passt beides nicht.
Ein Mann darf weinen. Eine Frau darf weich sein. Wir dürfen Angst haben, traurig sein, wütend werden, uns verletzlich zeigen und trotzdem starke Menschen sein.
Weichheit und Stärke sind keine Gegensätze.
Stärke zeigt sich für mich nicht darin, jedes Gefühl möglichst schnell wieder wegzuräumen. Sie zeigt sich auch darin, ehrlich wahrzunehmen: Das hat gerade etwas mit mir gemacht.
Deine Gefühle müssen nicht recht haben, um ernst genommen zu werden

Diesen Satz möchte ich fast zweimal schreiben, weil darin für mich ein entscheidender Unterschied liegt.
Nehmen wir an, ich habe das Gefühl: „Er nimmt mich nicht ernst.“
Dieses Gefühl ist real. Ich spüre Enttäuschung, Wut, Traurigkeit oder Verletzung, und es wäre wenig hilfreich, wenn mir nun jemand erklären würde, dass ich mich gefälligst nicht so fühlen soll.
Trotzdem beweist mein Gefühl noch nicht, dass der andere mich tatsächlich nicht ernst nimmt. Und genau an dieser Stelle wird es interessant:
Wir Menschen sind ausgesprochen begabt darin, Geschichten in unserem Kopf zu schreiben. Wir interpretieren einen Blick, eine Nachricht, ein Schweigen, einen Tonfall oder eine Reaktion und liefern die passende Erklärung gleich mit. Im schlimmsten Fall steht das gesamte Drehbuch längst, während der andere Mensch noch nicht einmal weiß, dass er darin eine Hauptrolle bekommen hat.
Ich kenne meine Geschichte in meinem Kopf. Aber ich kenne noch lange nicht die Geschichte in deinem.
Deshalb ist Kommunikation für mich so wichtig.
Kommunikation beginnt dort, wo Gedankenlesen aufhört
Gerade in Familien und Beziehungen halte ich Kommunikation für einen der wichtigsten Bestandteile überhaupt. Wenn ich eine Zahl nennen müsste, würde ich persönlich wahrscheinlich sagen: Beziehung besteht zu 80 Prozent aus Kommunikation. Das ist keine wissenschaftliche Formel, sondern meine Erfahrung mit dem Leben und mit Menschen.
Erst wenn du mir sagst, was du denkst und fühlst, bekomme ich die Möglichkeit, deine Seite zu verstehen. Und genauso braucht es meine Worte, damit du weißt, was in mir passiert. Solange wir schweigen, füllen wir die Lücken mit unseren eigenen Vermutungen und darin sind wir ausgesprochen kreativ.
Ich fühle mich nicht ernst genommen und denke: Ihm ist egal, was ich sage. Du ziehst dich zurück und in meinem Kopf läuft bereits die Fortsetzung: Er will nichts mit mir zu tun haben. Dabei steckt hinter deinem Rückzug womöglich Überforderung, hinter meiner Gereiztheit eine Sorge und hinter einem Schweigen schlicht das Bedürfnis, erst einmal selbst zu verstehen, was gerade los ist.
Was wirklich dahintersteckt, erfahren wir erst, wenn wir miteinander reden.
Natürlich führt ein Gespräch nicht automatisch dazu, dass zwei Menschen anschließend dieselbe Meinung haben. Das muss es auch gar nicht. Kommunikation schafft zunächst Klarheit darüber, wo der andere steht. Auf dieser Grundlage lässt sich entscheiden: Trage ich diese Haltung mit? Passen unsere Vorstellungen noch zusammen? Finden wir einen gemeinsamen Weg oder merken wir, dass unsere Bedürfnisse und Werte inzwischen weit auseinanderliegen?
Gedankenlesen hilft dabei leider nicht. Es würde einige Gespräche erheblich verkürzen, funktioniert aber erstaunlich unzuverlässig. 😁
Achtsamkeit bedeutet für mich nicht, nichts mehr zu bemerken
Im Gegenteil. Ich bemerke heute wahrscheinlich sogar mehr als früher, nur bleibe ich nicht mehr an jeder Wahrnehmung hängen.
Schaut mich jemand merkwürdig an, denke ich durchaus kurz: Was guckt der denn so? Ich registriere den Blick und gehe weiter. Daraus entsteht kein halbstündiger innerer Film darüber, was dieser Mensch von mir hält, warum er so geschaut hat und ob ich irgendetwas getan habe, das seinen Blick erklären könnte.
Darin liegt für mich ein wesentlicher Teil gelebter Achtsamkeit. Ich habe gelernt, bewusster und möglichst wertungsfrei wahrzunehmen, ohne aus allem sofort eine Geschichte zu machen. Dadurch ist die Meinung anderer Menschen über mich in meinem Leben immer unwichtiger geworden.
Gleichzeitig erlebe ich, dass unsere eigene Haltung Einfluss darauf hat, welche Menschen wir wahrnehmen, an uns heranlassen und in unserem Leben behalten. Der eine nennt das Resonanz, der andere Gesetz der Anziehung und ein Dritter rollt bei beiden Begriffen bereits mit den Augen. Das darf er. 😁
Mich interessiert viel mehr, was sich in unserem Leben verändert, wenn wir uns selbst und unserem Gegenüber mit weniger Bewertung und dafür mit mehr Aufmerksamkeit begegnen.
Wenn dich solche Gedanken rund um Achtsamkeit, innere Balance und einen bewussteren Umgang mit dir selbst begleiten, kannst du dir über meinen Newsletter auch mein kostenloses 25-seitiges E-Book holen – als kleine Auszeit und Inspiration für deinen Alltag.
„Andere würden darüber wahrscheinlich lachen“
Säße eine Frau vor mir und würde sagen: „Ich weiß gar nicht, warum mich das so fertig macht. Eigentlich ist doch gar nichts Schlimmes passiert. Andere würden darüber wahrscheinlich lachen“, würde ich die anderen Menschen erst einmal freundlich vor die Tür setzen. Nicht tatsächlich. Das gäbe schlechte Bewertungen. 😁 Gedanklich allerdings schon.
Bevor die vermeintliche Meinung anderer darüber entscheidet, ob ihr eigenes Empfinden berechtigt ist, interessiert mich, was diese Situation mit ihr macht. Denn in dem Moment, in dem wir aufhören, uns für ein Gefühl zu verurteilen, entsteht überhaupt erst die Möglichkeit, genauer hinzuschauen.
Woher kenne ich dieses Gefühl?
Begegnet es mir in ähnlichen Situationen immer wieder?
Reagiere ich gerade ausschließlich auf das, was heute passiert ist, oder wurde etwas berührt, das schon länger zu meiner Geschichte gehört?
Und an welcher Stelle habe ich aufgehört zu beobachten und angefangen, das Drehbuch weiterzuschreiben?
Das sind für mich keine Fragen, die ein Gefühl wegmachen sollen. Sie nehmen es ernst.
Und gleichzeitig machen sie aus einem Gefühl noch keine unumstößliche Wahrheit.
Dein Gefühl braucht keine Mehrheitsentscheidung. Aber es verdient deine Aufmerksamkeit.
Es geht nicht darum, sofort eine Antwort zu haben
Genau an solchen Punkten geraten wir allein schnell ins Kreisen. Derselbe Gedanke kommt zum fünften Mal vorbei, trägt inzwischen nur einen anderen Hut und fühlt sich deshalb kurz wie eine neue Erkenntnis an. 😁
Ein Gespräch mit einem Menschen, der nicht sofort bewertet, keine fertige Lösung über den Tisch schiebt und auch nicht mit einem schnellen „Ich würde an deiner Stelle …“ übernimmt, schafft einen anderen Raum.
Diesen Raum biete ich Frauen auch in meiner persönlichen Begleitung.
Nicht, indem ich mein gesamtes Leben über ihres lege und erkläre, wie sie es ab morgen besser machen sollen. Es geht um ihre Geschichte, ihre Wahrnehmung und ihren nächsten Schritt. Ich höre zu, frage nach und schaue gemeinsam mit ihr auf das, was im Alltag oft untergeht.
Wie tief wir dabei gehen und was daraus entsteht, gehört allerdings nicht in einen Blogartikel. Das gehört in diesen Raum. 😉
Eine kleine Seelenzeit für dich
Ist da gerade ein Gefühl, das du schon eine Weile mit dir herumträgst und immer wieder beiseiteschiebst, weil du meinst, eigentlich keinen ausreichenden Grund dafür zu haben?
Dann lass für einen Moment die Frage weg, ob dein Gefühl vernünftig, angemessen oder für andere nachvollziehbar ist, und schau stattdessen genauer hin:
Wie fühlt sich das gerade für mich an?
Was genau berührt mich daran?
Kenne ich dieses Gefühl aus anderen Momenten meines Lebens?
Und ist ein anderer Mensch Teil dieser Geschichte, kommt für mich noch eine Frage dazu:
Habe ich mit diesem Menschen darüber gesprochen oder habe ich bisher hauptsächlich mit meiner eigenen Geschichte über ihn gesprochen?
Zwischen dem, was wir fühlen, dem, was wir daraus schließen, und dem, was der andere tatsächlich denkt, liegt mitunter eine ganze Welt.
Genau dort lohnt es sich, miteinander zu reden.
Fühl dich gedrückt.
Gitti 💛



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