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Warum wir Verantwortung für Gefühle übernehmen, die gar nicht unsere sind



Vor ein paar Tagen wollte ich mit einem Menschen, der mir sehr wichtig ist, einfach nur ins Gespräch kommen. Ich wusste, dass er sich gerade in Bewerbungsgesprächen befindet und habe mich ehrlich darauf gefreut, mehr darüber zu erfahren.

Welche Aufgaben würden ihn erwarten?

Wie fühlte sich das für ihn an?

Ich hoffte auf ein Gespräch, aus dem ich etwas über seine Gedanken und vielleicht auch über seine Vorfreude erfahren würde.


Stattdessen bekam ich eine kurze, eher resignierte Antwort. Sinngemäß sagte er, dass er sich ohnehin keine großen Hoffnungen mehr machen würde, weil am Ende doch wieder alles anders käme. In diesem Moment war ich erst einmal sprachlos. Eigentlich hatte ich mich auf dieses Gespräch gefreut und nun entstand plötzlich eine Distanz, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hatte.

Obwohl ich heute vieles bewusster wahrnehme als noch vor einigen Jahren, rutschte meine Stimmung für einen Moment mit nach unten.


Ich glaube, solche Situationen kennen viele von uns. Jemand reagiert anders als erwartet, wirkt verschlossen, gereizt oder zieht sich zurück. Noch bevor wir überhaupt wissen, was wirklich los ist, beginnt unser Kopf nach einer Erklärung zu suchen.

Habe ich etwas falsch gemacht? War das jetzt unpassend? Liegt es an mir?


Erst später, als ich über diese Situtation noch einmal nachdachte, wurde mir bewusst, dass ich zwei Möglichkeiten für die nächste Zusammenkunft habe. Ich kann seine Reaktion persönlich nehmen und mich innerlich zurückziehen und begegne ihm beim nächsten Treffen unter Umständen mit einer gewissen Distanz, oder ich bleibe neugierig.


Am nächsten Tag...


habe ich zunächst entschieden, einen ruhigen Rahmen zu schaffen. Wir sind gemeinsam etwas essen gegangen, haben uns Zeit genommen und sind ganz ohne Druck ins Gespräch gekommen. Nach und nach entstand wieder Leichtigkeit. Plötzlich konnten wir gemeinsam anpacken, Dinge erledigen und sogar lachen. Nicht, weil ich ihn verändert hätte, sondern weil ich aufgehört hatte, meine erste Interpretation für die Wahrheit zu halten und seine derzeitigen Gefühle gesehen und ernst genommen habe.


Genau darin liegt für mich heute einer der größten Unterschiede zu früher. Auch ich erlebe solche Gedanken immer wieder im Alltag. Der Unterschied ist lediglich, dass ich sie heute viel früher bemerke. Ich nehme wahr, wenn mein Kopf beginnt, eine Geschichte zu erzählen, obwohl ich die eigentlichen Hintergründe noch gar nicht kenne. Allein dieses bewusste Wahrnehmen verändert oft schon sehr viel.



KI generiert
KI generiert

Wie ihr vielleicht aus dem letzten Artikel schon wisst, begleitet mich Herr Zweifel inzwischen durch meinen Alltag. Ich mag Herrn Zweifel. Er gehört einfach zu meinem Leben dazu. Er ist nicht mein Feind, sondern erinnert mich tatsächlich an meinen Patenonkel – einen hochstudierten Professor der Mathematik, der die wunderbare Fähigkeit besaß, Dinge niemals vorschnell zu beurteilen.

Wenn wir in der Familie über ein Problem sprachen, brachte er uns immer wieder dazu, noch einmal in Ruhe hinzuschauen, verschiedene Blickwinkel einzunehmen und nicht gleich die erste Antwort für die richtige zu halten.


Leider ist er schon vor vielen Jahren gestorben. Trotzdem habe ich immer das Gefühl, dass ein kleiner Teil von ihm bis heute bei mir geblieben ist. Vielleicht ist genau daraus irgendwann Herr Zweifel entstanden – ein höflicher älterer Herr, der sich manchmal ganz leise räuspert und fragt:


„Bist du sicher, dass du gerade alle Möglichkeiten siehst?“


Ich mag diese Frage sehr. Sie nimmt mir nichts weg. Im Gegenteil. Sie schenkt mir Zeit. Zeit, noch einmal genauer hinzuschauen. Zeit, nicht sofort zu reagieren. Zeit, neugierig zu bleiben und mir bewusst zu machen, dass meine erste Interpretation nicht zwangsläufig die Wahrheit sein muss.


Während meiner Coaching-Ausbildung und auch in den Jahren danach habe ich gelernt, genau diesen kleinen Moment immer bewusster wahrzunehmen. Nicht, weil mir solche Situationen heute nicht mehr passieren. Sie gehören genauso zu meinem Alltag wie zu jedem anderen Menschen. Der Unterschied ist nur, dass ich heute häufiger innehalte, bevor ich meine erste Interpretation für die Wahrheit halte.


Ich glaube, genau das verändert Beziehungen. Nicht, dass wir nie wieder falsch liegen. Sondern dass wir bereit sind, noch einmal nachzufragen, zuzuhören oder einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Wie viele Missverständnisse entstehen wohl jeden Tag, weil wir glauben zu wissen, was der andere denkt oder fühlt? Und wie oft übernehmen wir Verantwortung für Gefühle, die vielleicht gar nichts mit uns zu tun haben?


Diese Fragen haben meinen Blick auf viele Begegnungen verändert. Heute weiß ich, dass jeder Mensch seine eigene Geschichte, seine eigenen Erfahrungen und seine eigenen Herausforderungen mit sich trägt. Natürlich können Worte oder Situationen Gefühle auslösen. Wie wir mit diesen Gefühlen umgehen und welche Bedeutung wir ihnen geben, liegt jedoch bei jedem von uns selbst.


Vielleicht magst du in den nächsten Tagen einmal beobachten...


wie oft dein Kopf beginnt, Geschichten zu erzählen, obwohl du die ganze Wahrheit noch gar nicht kennst. Nicht, um dich dafür zu kritisieren, sondern einfach, um neugierig zu werden. Manchmal genügt schon ein anderer Blickwinkel, damit aus einem Missverständnis wieder eine echte Begegnung entstehen kann.


🌿 Drei Fragen für deine Seelenzeit


💛 Kennst du Situationen, in denen du die Stimmung anderer Menschen sofort auf dich beziehst?


💛 Woran merkst du heute schneller als früher, dass dein Kopf gerade beginnt, eine Geschichte zu erzählen?


💛 Welche Begegnung fällt dir ein, die sich verändert hat, nachdem du bewusst einen anderen Blickwinkel eingenommen hast?


🌿 Nimm mal diesen Gedanken mit in deine Woche


Nicht jede Stimmung, die dir begegnet, gehört automatisch zu dir. Oft genügt schon ein kurzer Moment des Innehaltens, um zu erkennen, dass der andere Mensch gerade mit seiner eigenen Geschichte beschäftigt ist. Allein diese kleine Pause kann Beziehungen verändern, weil sie Raum für Verständnis schafft, bevor Missverständnisse entstehen.


Wenn du spürst, dass dich solche Situationen immer wieder beschäftigen, dass du die Gefühle anderer häufig auf deine eigenen Schultern legst oder dir wünschst, gelassener mit solchen Momenten umgehen zu können, dann musst du diesen Weg nicht alleine gehen. Manchmal entsteht Klarheit genau dann, wenn wir unsere Gedanken einmal laut aussprechen dürfen – gemeinsam mit einem Menschen, der zuhört, ohne zu bewerten.


Wenn du dir regelmäßig kleine Impulse für mehr Ruhe, Klarheit und bewusste Wahrnehmung wünschst, dann freue ich mich, wenn du meinen Newsletter abonnierst. Dort teile ich einmal im Monat Gedanken, Reflexionsfragen und Neuigkeiten aus meiner Seelenzeit.


Und wenn du das Gefühl hast, dass dich bestimmte Muster schon lange begleiten und du sie endlich besser verstehen möchtest, dann begleite ich dich auch gerne persönlich ein Stück auf deinem Weg.


Fühl dich herzlich gedrückt.


Deine Gitti 💛

 
 
 

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